Was für ein Wort!

…oder: Kann von „politischer Ökonomie“ noch die Rede sein?

PollÖck - manch Älterer (im Westen) erinnert sich peinlich berührt an die „Schulungsabende“, die er in seiner Studentenzeit damit verbracht hat, und manch einem nicht ganz so alten (aus dem Osten) wird heut noch mulmig, wenn er dran zurück denkt.

‚Politische Ökonomie’ heißt freilich diese Kategorie in meinem Weblog polis in einem spezifischen, von „Pollöck“ nicht erfassten Sinn.

Zum ersten Mal benutzt hat den Ausdruck économie politique der französische Eisenwarenfabrikant Antoine de Mon(t)chrétien in seinem 1625 erschienen Buch dieses Namens. Dieser kommt allerdings gar nicht im Text, sondern nur auf dem Titelblatt vor (so wie Marx erst mitten in den Grundrissen – beim fälschlich so genannten ‚Formen-Kapitel’ – aufgefallen ist, dass er eine Kritik der Politischen Ökonomie zu schreiben im Begriffe war; und diesen Titel nachgeschoben hat). Tatsächlich enthält Monchrétiens Traité nichts anderes als eine ungeordnete Sammlung von Ratschlägen an den jungen König Ludwig XIII. – oder eigentlich an dessen in Wahrheit herrschende Mutter Maria von Medici -, wie er „seinen“ Staat am lukrativsten bewirtschaften könne, und war durchgehend in einem streng merkantilistischen Geist gehalten, den Monchrétien in Holland kennen gelernt hatte.

Monchrétien war ein energischer Propagandist des Absolutismus, und das erklärt auch die Wahl des Buchtitels. Der absolute Monarch sollte seinen Staat, die Polis, behandeln wie seinen eigenen Haushalt – oíkos – mit dem einzigen Zweck, viel Geld anzuhäufen. Das Staatsbudget und die Schatulle des Monarchen – ganz dasselbe…

Bekanntlich hat erst der folgende König diesem Rat gehorcht; mit der Folge, dass bei seinem Tod sein Reich so gut wie pleite war.

Aber das von Monchrétien geprägte Wort machte Karriere. Dr. Quesnay, der Verfasser der Tableaux économiques und Begründer der „Physiokratie“, nahm den Terminus auf und gab ihm eine neuen Sinn, indem er den Staat als „Haushalt“ in Analogie zum lebenden Organismus begriff, mit der Zirkulation – der Waren oder des Blutes, gleichviel – als seiner Lebensenergie.

Zum „Klassischen System der Politischen Ökonomie“ wurde dieses Fach zunächst von Adam Smith und schließlich von David Ricardo ausgebaut, der es von den bei Smith noch vorhandenen „physiokratischen“ Spuren reinigte.

Marx hatte Jahrzehnte lang gemeint, er habe das ‚Klassische System’ zu vollenden. Aber er scheitert immer wieder – wie übrigens seine Vorgänger – an der Frage, wo bei all der Zirkulation äquivalenter Werte ein Mehrwert entstünde, doch anders als seine Vorgänger, die sich um diese Frage tunlichst gedrückt hatten, kam es Marx eben darauf gerade an. Und als er die Lösung gefunden hatte – dem Arbeiter wird der Wert seiner Arbeitskraft gezahlt, aber der Kapitaleigner streicht den Wert des Arbeitsprodukts ein, es ist ein ungleicher Tausch  -, da war das ‚Klassische System’ zusammengebrochen! Seine Vollendung stellte sich als seine Kritik heraus.

Marx hat keine „eigene“ Poltische Ökonomie verfasst. Es gibt keine „marxistische Wirtschaftstheorie“. Es gibt aus der Feder vom Marx das gewaltige, nicht abgeschlossene Konvolut der Kritik der Politischen Ökonomie, die zum einen die wissenschaftliche Demontage einer falschen theoretischen Lehre darstellt, und zum andern eine „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ liefert. Insofern kann sie als die – nachgetragene – ökonomische Rechtfertigung des politischen Programms der Kommunisten gelten. Aber eine Theorie des Wirtschaftens ist sie nicht.

Und eine „Politische Ökonomie des Sozialismus“ konnten nur die gedanklich skrupelloses Soldschreiber einer ebenso totalitären wie parasitäre Bürokratie daraus zurecht stoppeln. Gottlob wurden sie gemeinsam abgeschafft.

In der Zwischenzeit hat Monchrétiens Wortschöpfung im bürgerlichen Lager überlebt, aber ohne Glanz. Seit John Maynard Keynes wird die Wirtschaftspolitologie so genannt, durchaus ohne den Vorgängern Unrecht zu tun, aber ohne jeden Anspruch auf eigentlich theoretische Erkenntnis, wie er bei Quesnay, Smith und Ricardo lebendig war. Und heute kann man unter „Volkswirtschaftslehre“ nur noch, im dutzend billiger, einander ablösende „Modellrechnungen“ finden, nach denen sei’s die Schäfchen ins Trockene gebracht, sei’s gar die nächste zyklische Krise umschifft würde.

Kurz und knapp: Eigentlich kann man das Wort ‘Politische Ökonomie’ heut gar nicht mehr verwenden; man riskiert, sich lächerlich zu machen. Und warum krame ich es dann doch wieder hervor?

An ihrem Ursprung antwortete die ‘politische Ökonomie’ auf die Frage: Was muss die Politik tun, damit es der Wirtschaft gut geht? Die Kritik der politische Ökonomie fragte dagegen: Wer ist „die Wirtschaft“?  Die Wirtschaftenden; die Polis? Oder die, die sie sich angeeignet haben?!

Wenn ich diees Wort heute wieder benutze – meinetwegen in Gänsefüßchen -, dann in einem ganz bescheidenen, prosaischen, pragmatischen Sinn: In der Welt des Wertgesetzes war das Meiste das Beste: viel Wert, mehr Wert. Doch der Wert – i.e. der Tauschwert – schwindet. Möglichst viel von etwas, das schwindet – das ergibt keinen politischen noch ökonomischen Sinn. Die Gesellschaft, auf die wir zu gehen, wird von einem Paradox geprägt sein: Die Art von Arbeit, die ‘etwas wert ist’, wird kaum noch produktiv, und tendenziell verzichtbar sein. Die Arbeit, die (dann) allein produktiv sein wird, wird (auch weiterhin) ‘nichts wert’ sein. Dafür zu sorgen, dass aus einem logischen Paradox nicht ein reelles Desaster wird, ist Aufgabe der Politik. Wir taumeln ja nicht in dieses Paradox. Wir sind seiner gewärtig (oder könnten es sein, was auf dasselbe hinausläuft). Es geht nicht darum, das Politische auf die Notwendigkeiten „des Ökonomischen“ einzustellen, wie im Klassischen Sastem der Politischen Ökonomie – und schon gar bei den ‘Neoklassikern’  der Keynes’schen Schule. Es geht darum, in „das Ökonomische“ so einzugreifen, dass die autonom gewählten Zwecke der Polis befördert und nicht beeinträchtrigt werden.

Konkret gesprochen: Was nach den technischen Umwälzungen der IT-Revolution an physischer Arbeit noch übrig geblieben sein wird, dessen ‘Wert’ wird man noch immer messen können. Aber es wird so wenig sein, dass keiner davon leben kann. Die eigentlich produktive Arbeit wird (allein noch) die Verausgabung, die Aktualisierung  lebendiger Intelligenz sein; aber die wird man nicht messen können; und davon leben folglich schon gar nicht.

*

Die Idee eines staatlich garanierten Grundeinkommens – zu propagandistischen Zwecken auch „Solidarisches Bürgergeld“ genannt – ist ursprünglich aus der Sorge um eine Vereinfachung und Verwohlfeilung unseres Fiskus entstanden; Steueraufkommen und wohlfahrtsstaatliche Transferzahlungen sollten gegeneinander verrrechnet und pauschaliert werden, so dass im Schnitt keiner schlechter gestellt, aber der Steuerzahler insgesamt entlastet würde. In eine breitere Öffentlichkeit getragen wurde sie von keinem andern als Milton Friedman, dem Herold des Neoliberalismus und Anführer der Chicago boys; m. a. W. von Beelzebub persönlich. Aber wo der Teufel Recht hat, hat er Recht. Das muss man sagen dürfen, nicht nur die Wissenschaft, sondern schlicht die Sache selbst will es so. Aber der besagte Teufel sitzt bekanntlich im Detail.

Es mag sein, dass diese Idee -  unabhängig von (fehlenden) politische Mehrheiten – sich praktisch nicht durchführen lässt, weil sie mehr und größere Probleme aufwirft, als sie lösen kann. Aber als allgemein gültiges politisches Prinzip anerkannt, wäre sie auf jeden Fall ein Bruch - und es fällt schwer, die hinreichend starken Worte zu finden, wie radikal er wäre – mit jenem Werte-Gesetz, das unsere Geschichte seit zwölftausen Jahren beherrscht und das lautet: Wert ist nur das, was das Bedürfnis desjenigen befriedigt, der dir dein Bedürfnis im selben Maß befriedigt. Es ist das Ende des Prinzips, wonach wir leben, um zu arbeiten; und selbst der Forderung, wonach wir nur arbeiten sollen, um zu leben. Es ist die Sanktionierung des Prinzips: Die Arbeit erledigen die Maschinen; die Menschen kümmern sich um alles, was wichtig ist. So wie sie es als Kinder taten, beim Spiel.

~ von Voicech Gryn-Sznabl am Oktober 12, 2008.

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