Hartz IV und die Alternative.

•Februar 9, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Heute gibt das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zu den Hartz-IV-Sätzen bekannt. Es wird erwartet, dass es die bisherige Bemessungsgrundlage der Unterhaltssätze für Kinder verwirft. Die folgt der Logik: Weil Kinder generell um ein Drittel kleiner sind als Erwachsnene, brauchen sie auch nur ein Drittel weniger Geld. Darüber hinaus könnte das Gericht eine klare Definition versuchen, was man unter einem menschenwürdigen Existenzminimum zu verstehen habe.

In jedem Fall wird dieses Urteil die deutschen Kommunen, die sämtlich kurz vor der Pleite stehen, um einige weitere Milliarden belasten. Die Frage ist – wie soll das gehen ohne weitere Schulden? Und: wie will man bei höheren Schulden die Steuern senken?

Die Vernunft hat es schwer, sich allein durch Worte zu verbreiten. Im öffentlichen wie im privaten Raum ist sie darauf angewiesen, dass ihr die Not die Tore öffnet. Und wenn irgendwo, dann ist es bei Hartz IV geraten, aus der Not eine Tugend zu machen.

Ich rede von der Idee eines bedingungslosen garantierten Grundeinkommens aus Steuergeldern, glegen tlich auch “Bürgergeld” genannt.

Ursprünglich stammt sie wohl von Milton Friedmann, dem Schwarzen Mann des Neoliberalismus. Zunächst ging es ihm bloß um die Vereinfachung der Besteuzerungssysteme, die, wenn sie “gerecht” sein sollen, je nach Höhe der Einkommen ungleich sein und tausend Ausnahmelagen berücksichtigen müssen; dann aber unübersichtlich und überkompliziert werden und dabei einen gigantischen Verwaltungsaufwand verschlingen – was am Ende ungerecht ist gegen alle.

Am ‘effektivsten’ ist ein einheitlicher Steuersatz für alle. Aber indem er die Geringverdiener, die gerade eben das Lebensnotwendige im Portmonnaie haben, ebenso belastet wie die Eigentümer des großen Kapitals, ist er von allen der ungerechteste. Daher die Idee, dasjenige, was für eines jeden Lebensunterhalt das Unabdingbare ist, überhaupt nicht zu besteuern – und alles, was darüber liegt, mit ein und demselben Satz. Und von den gewaltigen Summen, die durch diese Vereinfachung eingespart würden, könnte in den entwickelten Industriesländern laut Berechnung der Weisen dieser Grundbetrag einem jeden Bürger ohne Prüfung der ‘Bedürftgkeit’ vom Staat ausgezahlt werden – auch wenn er sie nicht durch den Austausch seiner Produkte oder den Verkauf seiner Arbeitskraft ‘verdient’ hat!

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Ihre ersten energischen Fürsprecher außerhalb der Gruppe der Steuerexperten hat diese Idee bei den Sozialpolitikern gefunden – die damit das leidige Thema der Sozialhilfen, Arbeitslosenunterstüzungen, deren Undurchsichtigkeit und ihren angeblich wuchernden Missbrauch gleich mit erledigen wollten – und die sind auch am heutigen Tag zuerst an gesprochen.

Dann meldeten sich auch die Zukunftsforscher zu Wort. Die galoppierende Digitalisierung und Kybernetisierung der Arbeitswelt macht die einfachen, lediglich ausführenden Tätigkeiten überflüssig – und macht alle die arbeitslos, die sonst nichts gelernt haben. Die Etablierung einer stabilen Gesellschafts- klasse – “ein Drittel”! – von gezwungenen Nichtstuern droht, die ihre freie Zeit mangels Geld nicht mal durch Konsum ausfüllen können. Ein Sprengsatz für die gute Gesellschaft…

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Am akutesten ist das Thema heute bei Hartz IV und der Sozialhilfe. Doch am innovativsten ist der Vorschlag nicht am unteren, sondern am oberen kulturellen Rand der Gesellschaft! Der Fall Pirate Bay macht es deutlich, man muss nur genau hinschauen. All die ‘Kreativen’ (ein blöder Ausdruck, aber es fällt mir momentan kein besserer ein), denen es zuerst darauf ankommt, der Welt das mitzuteilen, was sie ihr zu sagen haben, und nicht darauf, in Luxus zu leben… all die könnten genau das tun, ohne sich um ihren Lebensunterhalt sorgen und dabei ihre fruchtbarste Zeit verplempern zu müssen. Wenn sie, wie man ihnen ja wünschen darf, dabei auf gute Resonanz stoßen und einen mondänen Erfolg erzielen, mögen sie ja auf diese oder jene Weise hinzuverdienen, soviel die Marktlage hergibt; und denselben einheitlichen Steuersatz zahlen wie alle andern.

Der Taxifahrer mit Dr. Phil. ist eine gängige deutsche Witzfigur. Vielleicht nicht ganz so repräsentativ, wie die Comedians glauben machen; aber sicher finden sich unter den akademisch Gebildeten einige Zehn-, womöglich Hunderttausende, die des blöden Gelderwerbs willen ihre Lebenszeit mit Tätigkeiten überdauern, die weit unterhalb ihrer gefühlten Möglichkeiten liegen. Und wenn sich davon nur jeder Zehnte nicht überschätzt – dann ist das immer noch eine Riesenmasse von Talent, das für den Fortgang der Kultur vergeudet ist!

Und dass zu Viele dann ‘nix arbeiten’, sondern nur ihren Phantasien nachjagen, braucht eine Gesellschaft, “in der Arbeit künftig Mangelware sein wird”, nicht zu fürchten; denn solange sie eben das tun, kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken. Vielmehr wird das “kreative Prekariat” zum Sauerteig und Treibmittel der Kultur.

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Dass unter solchen Umständen von einer Klasse von Menschen, die ‘gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an Andre zu verkaufen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, um selber Waren zu produzieren’, nicht mehr die Rede sein kann, ist abschließend noch zu erwähnen. Nicht nur, weil keiner mehr ‘gezwungen ist’; sondern auch, weil das wichtigste Arbeitsinstrument der Zukunft, der PC, längst zum “garantierten Minimum” zählt und noch im ärmsten Haushalt nicht weniger selbstverständlich ist als das Tiwie.

Vernunft und Öffentlichkeit sind gleichbedeutend.

•Februar 6, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden („der menschliches Antlitz trägt“, sagt Fichte) in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist.

Vernunft ist ein Postulat, das sich selbst setzt und voraussetzt. Es ist eo ipso das Postulat, dass zumindest in dieser einen Hinsicht „Alle gleich“ sind.

Das ist offenbar zunächst nur eine formale Bestimmung. Welche die positiven Gehalte der Vernunft seien, muss sich immer wieder erst im Zuge von deren Betätigung erweisen: im argumentativen Verkehr eines Jeden mit Jedem.

Und dieser Verkehr heißt Öffentlichkeit.

Dass es sich ‚nur’ um Postulate handelt, bedeutet zugleich, dass sie nur „problematisch“ gelten, d. h. als immer wieder zu bewältigende Aufgabe. Ob es ‚wirklich so ist’, muss sich allezeit im Vollzug erst noch bewähren. Vernunft gibt es nur als self fulfilling prophecy – oder eben nicht.

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Man sollte meinen, dass es der Öffentlichkeit noch nie leichter gefallen ist, sich herzustellen, als im Zeitalter der WorldWideWeb.

Den USA droht der wirtschaftliche Abstieg.

•Februar 6, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

aus: NZZ.online, 6. 2. 2010

Häufung widriger Faktoren könnte die traditionelle Widerstandsfähigkeit Amerikas übermannen

Die wirtschaftlichen Aussichten Amerikas werden nicht nur durch die Auswirkungen der gegenwärtigen Krise getrübt. Das Land weist auch zahlreiche strukturelle Lasten auf, welche einen allmählichen Abstieg der US-Wirtschaft erwarten lassen.

Von Walter Meier,Washington

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Die USA gehen durch eine Phase des Selbstzweifels. Bei einer Umfrage glaubten 55% der Antwortenden das Land auf dem falschen Weg, und zwei Drittel fürchteten, dass es ihre Kinder einmal schlechter haben werden als sie selber. Das widerspricht zwar dem traditionellen Optimismus der Amerikaner, doch ist dieses Infragestellen der eigenen Nation nicht neu. Oft haben sich die Ängste als unbegründet erwiesen. Zurzeit scheinen die Sorgen über einen drohenden wirtschaftlichen Niedergang jedoch berechtigter denn je zu sein.

Von Krise geprägte Stimmung

Der grassierende Pessimismus ist teilweise eine Folge der hausgemachten Wirtschafts- und Finanzkrise. Für einmal lag das Epizentrum der Krise nicht in Entwicklungs- oder Schwellenländern, sondern am einheimischen Markt für Wohnimmobilien und an der Wall Street. Im Glauben an stetig steigende Häuserpreise erwarben viele Amerikaner Häuser, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die Finanzinstitute und Investoren ihrerseits finanzierten die Käufe, ohne mit der Wimper zu zucken, einige unter ihnen wohl wider besseres Wissen; sie reichten die fragwürdigen Kredite einfach an andere Finanzinstitute oder an unaufmerksame Investoren weiter. Eine Mischung aus Unwissen, Nicht-wissen-Wollen, an Betrug grenzendem Verhalten sowie Herdentrieb führte neben den zu lange tief gehaltenen Zinsen zu einer Spekulationsblase, die beim Platzen einen enormen finanziellen Schaden anrichtete.

Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde dabei auch die Bauwirtschaft. Im vergangenen Jahrzehnt wurden weit über die natürliche Nachfrage hinaus Häuser und Wohnungen gebaut. Entsprechend spektakulär war der Absturz. Die Investitionen in Bau und Renovationen von Wohnimmobilien nahmen innerhalb von drei Jahren um mehr als die Hälfte ab. Die Zahl der registrierten Beschäftigten in diesem Sektor fiel in diesem Zeitraum um mehr als 1,1 Millionen, falls man die nicht erfassten Unterakkordanten (oft illegal Immigrierte) einbezieht, erheblich mehr.

Insgesamt sind in der Privatwirtschaft in der gegenwärtigen Krise 8,5 Mio. Stellen verloren gegangen. In dieser Hinsicht ist man auf den Stand von 1999 zurückgeworfen worden. Diese Zahlen allein erklären die trübe Stimmung im Land. Hinzu kommen der Absturz der Häuserpreise und die – mittlerweile wieder weitgehend wettgemachten – Verluste auf Finanzvermögen. Das alles hat die Zukunftsangst geschürt.

Wachsender Schuldenberg

Der getrübte Ausblick für die amerikanische Wirtschaft ist aber keineswegs nur durch die konjunkturelle Lage bedingt. Was seit kurzer Zeit Bürger und Ökonomen gleichermassen beunruhigt, ist die desolate Lage der Staatsfinanzen. Der zu Beginn der Woche vom Präsidenten vorgelegte Budgetentwurf hat gezeigt, wieso dem so ist. Danach wird im vergangenen, im laufenden und im nächsten Haushaltsjahr der Fehlbetrag des Zentralstaates jeweils deutlich über 1 Bio. $ liegen. In Prozenten des Bruttoinlandproduktes (BIP) werden es 9,9%, 10,6% und 8,3% sein. Oder anders ausgedrückt: Die Ausgaben werden lediglich zu 60% bis 67% durch laufende Einnahmen gedeckt sein; der Rest muss durch Schulden finanziert werden.

Gemäss der Zehn-Jahre-Planung der Regierung ist dieses Leben des Staates auf Pump keine Übergangserscheinung. Gewiss ist die Lage zurzeit wegen der Krise besonders prekär, aber gemäss dem Voranschlag wird in keinem Jahr bis 2020 der Fehlbetrag unter 700 Mrd. $ liegen. Selbst in den guten Jahren, die man bis dann erwartet, wird die Schuldenquote ständig leicht steigen. Der Zinsendienst wird zunehmend Mittel absorbieren; im Fiskaljahr 2009 entfielen 5,3% aller Staatsausgaben auf die Bedienung der Schulden, 2020 werden es nach den Schätzungen der Regierung 15,9% sein. Für andere staatliche Aufgaben wird zunehmend weniger Geld zur Verfügung stehen.

Die USA leben heute auf Kosten der zukünftigen Generationen. Die Schuldenfinanzierung wäre weniger bedenklich, wenn die Ausgaben für Dinge verwendet würden, die der Nachwelt zugutekommen. Bei der Infrastruktur ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Hier hinterlässt man künftigen Generationen einen gewaltigen Sanierungsbedarf. Kaum ein Monat vergeht im Grossraum Washington, ohne dass ein grösserer Wasserleitungsbruch gemeldet werden muss. Aber auch Brücken, Dämme, Abwasseranlagen, Strassen und das Stromnetz sind fast überall im Land stark sanierungsbedürftig. Dieser Befund galt bereits vor der Wirtschaftskrise.

Kein Geschenk für die Nachwelt stellt auch die Siedlungsstruktur dar. Während des Immobilienbooms ist vor allem in den Vorstädten viel gebaut worden. Die vergleichsweise billigen Landpreise zogen Bauunternehmen und Hauskäufer gleichermassen an die Peripherie. Die Nachteile dieser zunehmenden Zersiedelung wurden mit der Erhöhung der Benzinpreise plötzlich schmerzlich fühlbar. Die neuen Wohngebiete sind durch öffentliche Verkehrsmittel, die in den USA traditionell ein Mauerblümchendasein fristen, nur schwer erschliessbar; man ist fast überall auf das Auto angewiesen. Daher sind die USA extrem energiehungrig, was langfristig ein Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes darstellt.

Ungesunde Gesundheitskosten

Ein weiterer Problemherd sind die hohen Gesundheitskosten. Über 17% des BIP werden für das Gesundheitswesen ausgegeben, bedeutend mehr als in jedem anderen Land. Für die Konkurrenzfähigkeit der USA ist dies Gift; Präsident Obama weist zu Recht auf die Notwendigkeit hin, den Kostenanstieg zu stoppen. Die hohen Ausgaben führen zudem nicht zu besseren Resultaten als in vergleichbaren Industriestaaten. Allerdings ist das Problem wohl nicht allein dem Gesundheitswesen anzulasten. Die Amerikaner ernähren sich auch unklug. Rund ein Drittel der Bevölkerung ist dickleibig, was die Gesundheitsrisiken (z. B. Diabetes) erhöht. Ex-Präsident Bill Clinton bezeichnet das weitverbreitete Übergewicht seiner Landsleute zu Recht als tickende Zeitbombe.

Zu den weiteren strukturellen Nachteilen, mit denen Amerikas Wirtschaft fertig werden muss, zählt zweifellos der Hang zu Rechtsstreitigkeiten. Hier werden viele Ressourcen absorbiert, die anderweitig produktiver eingesetzt werden könnten. Ähnliches gilt in Bezug auf das Steuersystem, das seit der letzten Reform in den achtziger Jahren immer komplexer geworden ist. Es bietet Lohn und Brot für zahllose Steuerberater, welche Bürgern und Unternehmen dabei helfen, die Steuerschuld zu minimieren. Des einen Verdienst sind jedoch des anderen Kosten. Gesellschaftlich gesehen ist ein unübersichtliches Steuersystem meist unfair und schädlich. Hoffentlich nur vorübergehender Natur sind die massiven staatlichen Eingriffe in den Finanz-, Immobilien- und Autosektor. Es drohen sonst aufgrund falsch gesetzter Anreize ungesunde Entwicklungen in den betroffenen Branchen.

Schwindende Anziehungskraft

Ebenfalls zu denken gibt der bevorstehende Know-how-Verlust vorab in wissenschaftlichen Berufen und im Ingenieurwesen durch die Pensionierung der im Durchschnitt gut ausgebildeten Babyboom-Generation. Dieser Weggang wird durch die nachkommende Generation nicht völlig ausgeglichen. Gleichzeitig scheint der Zustrom an hochqualifizierten Ausländern nachzulassen. Zwar studieren noch viele junge Leute vorab aus Asien in den USA, doch die restriktive Erteilung von Arbeitsvisa nach dem Studium treibt zahlreiche hochqualifizierte Arbeitskräfte danach aus dem Land. Gleichzeitig eröffnet die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern den ausländischen Uni-Absolventen bei einer Rückkehr in die Heimat zunehmend interessante Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese Entwicklung mag krisenbedingt und daher temporärer Natur sein. Doch wenn die USA in dieser Hinsicht nicht aufpassen, geben sie allmählich einen ihrer wichtigsten Trümpfe aus der Hand, nämlich die hellsten und initiativsten Köpfe anzuziehen. An US-Universitäten ausgebildete Ausländer sind jedenfalls für eine überdurchschnittliche Zahl von Firmengründungen und Patenten verantwortlich.

Die skeptischer gewordene Haltung gegenüber Immigranten ist Ausdruck eines zunehmenden Besitzstand- und Anspruchsdenkens. Die alte Tugend, durch eigene Anstrengung für eine bessere Zukunft zu sorgen, ist vor allem im öffentlichen Diskurs auf dem Rückzug, auch wenn es immer noch zahllose Amerikaner gibt, die dieser Devise nachleben. In der Werbung dominiert das Argument «Konsumiere heute, zahle morgen». So kann es nicht überraschen, dass die Haushalte sich in hohe Schulden gestürzt haben. Obwohl in den letzten Quartalen wieder mehr gespart worden ist, liegt die Schuldenlast immer noch auf einem rekordnahen Niveau. Zudem scheint man derzeit mit notleidenden Schuldnern viel mehr Erbarmen zu haben als mit Sparern, die für ihre Einlagen nur einen geringen Zins erhalten. Geradezu abstossend muss es vielen Zuschauern erscheinen, wenn im Fernsehen Berater stolz verkünden, wie sie überfällige Kreditkarten- oder Steuerschulden ihrer Kunden auf 10% des ursprünglichen Betrages herunterdrücken können. Die sublime Botschaft solcher Werbespots lautet: Es ist jeder ein Trottel, der seine Schulden voll bezahlt. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass jemand anderes die Zeche zu begleichen hat.

Die Verlotterung der Werte kann nicht überraschen, wenn die Eliten in der Politik und an der Wall Street ein schlechtes Vorbild abgeben. Der Amerikaner neidet dem Tüchtigen den Erfolg keineswegs. Wenn er aber den Eindruck bekommt, dass bei «denen da oben» der Verdienst nicht von der Leistung abhängt, sondern von zu den eigenen Gunsten manipulierten Spielregeln, dann hat das eine verheerende Wirkung. Vorab leidet die Akzeptanz der Marktwirtschaft. Aber auch der soziale Kitt zwischen den Schichten, der durch die ungleicher gewordene Einkommensverteilung sowieso schon leichte Risse bekommen hat, wird dadurch noch brüchiger. Der soziale Aufstieg ist jedenfalls schwieriger geworden. Wer arm geboren ist, stirbt oft auch arm, bei der schwarzen Bevölkerungsschicht, die mehr Last als Stütze der US-Wirtschaft ist, zeigt sich das am ausgeprägtesten.

Vertrauen in Klimarat schmilzt weg

•Februar 1, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

31. Januar 2010, NZZ am Sonntag:

Vertrauen in Klimarat schmilzt weg

Eine falsche Prognose über den Rückgang der Gletscher im Himalaja und Politik statt Wissenschaft: Der Weltklimarat steht in der Kritik.

Jetzt fordern Klimaforscher Reformen – und den Rücktritt von IPCC-Chef Pachauri.

Von Patrick Imhasly

Die Vorbereitungen für den neuesten Bericht des Weltklimarats IPCC laufen auf Hochtouren. Bis im April werden die Autoren für die 5. Ausgabe jener gigantischen Studie bestimmt, die 2014 erscheinen und den Zustand des Klimas akribisch beschreiben soll. Doch so haben sich die IPCC-Verantwortlichen diese heisse Phase wohl nicht vorgestellt: Statt das Auswahlverfahren voranzutreiben, müssen sie sich mit wachsender Kritik an ihrer Arbeit herumschlagen.

in IPCC-Dementi jagt das nächste. Und auch wenn Rajendra Pachauri, der Chef des Uno-Klimarats, gegenüber der BBC trotzig erklärt, er habe keine Lust, «den Klima-Skeptikern einen Gefallen zu tun» und den Vorsitz des IPCC abzugeben, könnte genau das geschehen. Vieles spricht dafür, dass der indische Eisenbahn-Ingenieur und Ökonom seinen Chefposten über kurz oder lang räumen muss. In den vergangen zwei Monaten hat eine Reihe von Fahrlässigkeiten und Schlampereien die Glaubwürdigkeit des IPCC erschüttert. Pachauris Verhalten hat den Druck auf das Klima-Gremium der Vereinten Nationen noch erhöht.

Zuerst wurde im November ein Server der Universität East Anglia im britischen Norwich gehackt. Schon bald tauchten im Internet vertrauliche E-Mails und Dokumente von Forschern der Climate Research Unit (CRU) auf, die an den IPCC-Berichten prominent beteiligt waren. Neben harmlosen Lästereien enthielten sie auch üble Beschimpfungen von Klima-Skeptikern und Überlegungen, wie ihnen bestimmte Daten vorenthalten werden könnten. Eine weltweite Verschwörung von Klima-Alarmisten oder nur schon «eine koordinierte Kampagne zur Verschleierung von wissenschaftlichen Informationen», wie das der ultrarechte US-Fernsehsender Fox flugs behauptete, lässt sich aus den gehackten Unterlagen aber beim besten Willen nicht herauslesen.

Schwerer wiegt da schon «Glaciergate» – das Versagen einiger Autoren im zweiten Teil des IPCC-Berichts von 2007. Eine dort präsentierte Prognose, wonach die Gletscher des Himalajas bis ins Jahr 2035 bei dem gegenwärtigen Trend der Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit verschwinden würden, erwies sich kürzlich als grundfalsch. Als Quelle für dieses Horrorszenario diente nicht etwa eine wissenschaftliche Studie, sondern ein Bericht der Umweltschutzorganisation WWF, die sich ihrerseits auf höchst spekulative Aussagen des indischen Glaziologen Syed Hasnain im populären Forschungs-Magazin «New Scientist» berief.

Schliesslich warf die «Sunday Times» in London dem IPCC am vergangenen Wochenende vor, im zweiten Teil des Berichts von 2007 ein weiteres Mal geschlampt zu haben. Dort werde auf eine Studie verwiesen, die belege, dass die «globalen Schäden wegen extremer Wetterereignisse rapide zunehmen». Laut der britischen Zeitung war die Studie zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert. Später hätten die Autoren diesen Schluss nicht mehr gezogen. In einer Mitteilung beharrt das IPCC mit Sitz in Genf indessen darauf, den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und ökonomischen Schäden ausgewogen dargestellt zu haben.

Ob echte oder vermeintliche Fehler im letzten IPCC-Sachstandsbericht: «An den Grundaussagen ändert sich nichts: Der Klimawandel ist eine Realität, und der Verursacher ist der Mensch», sagt Reto Knutti, Klimaphysiker an der ETH Zürich und zuletzt auch IPCC-Autor. «Der ganze Bericht umfasst mehr als 3000 Seiten, wenn da bloss zwei Aussagen nicht ganz sauber sind, ist das gar nicht so schlecht, sondern Ausdruck der hohen Qualitätsstandards.» Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch vom Institut für Küstenforschung nahe Hamburg warnt indessen davor, so weiterzufahren wie bisher: «Wenn wir die Sache aussitzen, wird der nächste IPCC-Bericht nur von jenen Leuten ernst genommen, die das sowieso tun», sagt er.

Tatsächlich besteht das Problem nicht so sehr darin, dass Fehler passieren. Auch Forscher dürfen sich irren, und wer meint, von Fachleuten begutachtete Studien enthielten niemals Fehler, der überschätzt die Wissenschaft masslos. Die Frage ist nur: Wie geht man mit einer wissenschaftlichen Fehlleistung um, und wie verhält man sich in einer ernsthaften Krise wie jener, in der das IPCC nun steckt?

Ausgerechnet der Chef des Uno-Gremiums, Rajendra Pachauri, gibt als Krisenmanager eine klägliche Figur ab. «Viele seiner Aussagen waren ungeschickt und überstürzt», erklärt Reto Knutti. Hans von Storch sagt es unverblümt: «Der Mann kann es nicht. Er ist nicht mehr tragbar und sollte von sich aus gehen.» Pachauri hat kaum ein Fettnäpfchen ausgelassen. Als die indische Regierung im November 2009 in einer Studie den vom IPCC prognostizierten dramatischen Gletscherschwund im Himalaja in Frage stellte, konterte Pachauri verächtlich, das sei «Voodoo-Wissenschaft». Und nachdem er letzte Woche den Fehler im IPCC-Bericht dann doch einräumen musste, verstieg er sich zur Behauptung, die Möglichkeit weiterer Fehler im Weltklimabericht 2007 sei «minimal oder gleich null».

Was ihm die besonnenen Geister unter den Klimaforschern übelnehmen, ist, dass Pachauri immer wieder die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik verwedelt. So lautet einer der Grundsätze für die Arbeit der Wissenschafter innerhalb des IPCC, dass die entsprechenden Berichte zwar Fakten zusammentragen sollen, die «relevant» sind für das Fällen politischer Entscheide. Die Berichte – und damit auch die beteiligten Forscher – hätten aber «politisch neutral» zu sein. Mit schöner Regelmässigkeit foutiert sich Pachauri um dieses Selbstverständnis.

Nach dem Gipfel der acht grössten Industrienationen vom Juli 2009 in Italien bezichtigte er die Teilnehmer der Ignoranz in Bezug auf die Erderwärmung. In einem Kommentar im Fachblatt «Nature» verteidigte Pachauri die Klimapolitik seines Heimatlands Indien. Und er war sich auch nicht zu schade, gemeinsam mit dem Ex-Beatle Paul McCartney in einem offenen Brief die Welt zum Verzicht auf Fleisch aufzufordern – die Fleischindustrie trage wesentlich zum Klimawandel bei.

Verflechtung von Interessen

«In den letzten zwei Jahren hat sich leider in einigen Bereichen des IPCC eine Top-down-Kultur entwickelt, nachdem das IPCC offenbar zu einer Marke geworden ist. Das ist besonders vor und während der Klimakonferenz in Kopenhagen deutlich geworden», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. «Aus meiner Sicht muss das IPCC von unten nach oben funktionieren, von da kommen die Resultate und die neuen Erkenntnisse.» Stocker ist Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe 1, die sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandels befasst, und damit ein intimer Kenner der Mechanismen im Klimarat.

Rajendra Pachauri ist auch wegen seiner Interessenverflechtungen ins Schussfeld der Kritik geraten. Er ist nicht nur Chef des IPCC, sondern auch Direktor des indischen Instituts für Energie und Ressourcen (Teri), das noch jüngst von der US-Stiftung Carnegie Corporation Gelder ausgerechnet zur Erforschung des Gletscherschwunds im Himalaja erhalten hat. Zudem sitzt Pachauri in diversen Beiräten von Firmen, etwa in jenem des Credit Suisse Research Institute, das sich mit globalen Themen beschäftigt.

«Das Bizarre daran ist, dass Pachauri gegen keinerlei Regeln verstossen hat – weil es gar keine Vorschriften gibt, die mögliche Interessenkonflikte von IPCC-Verantwortlichen regeln», sagt Hans von Storch. Wie man solchen Problemen aus dem Weg gehen könnte, hat Thomas Stocker demonstriert, und zwar von sich aus. Als er 2008 zum Co-Vorsitzenden der IPCC-Arbeitsgruppe 1 gewählt wurde, trat er aus dem Gutachter-Beirat des Fachblatts «Science» zurück. «Man kann nicht Studien für das IPCC beurteilen und gleichzeitig Arbeiten zur Publikation empfehlen, die der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschrift vorgelegt werden», sagt Stocker.

«Eine ganze Menge Spekulation»

Um die Glaubwürdigkeit des IPCC zu retten und die Klimaforschung vor «irreparablem Schaden» zu bewahren, fordert jetzt Hans von Storch zusammen mit dem Umweltökonomen Richard Tol von der Universität Dublin und Roger Pielke jr., einem amerikanischen Experten für Naturkatastrophen, eine Reform des Uno-Klimarats. In einem offenen Brief verlangen sie genaue Vorschriften darüber, wie mit Interessenkonflikten künftig umzugehen ist. Zudem soll das IPCC besser darauf achten, dass seine eigenen Standards eingehalten werden, wenn es gilt, Experten zu berufen und wissenschaftliche Arbeiten zu bewerten.

Was Anpassungen beim IPCC aber nicht zu leisten vermögen, ist eine Reform in den Köpfen einiger Heisssporne unter den Klimaforschern. Denn Rajendra Pachauri ist beileibe nicht der einzige, der aus seiner Rolle gefallen ist. «Es gibt Wissenschafter, die sagen, wenn die Temperaturerhöhung 2 Grad überschreitet, passieren furchtbare Dinge. Ich halte das für Gerede», sagt Hans von Storch. «Um politischen Druck auszuüben, ist eine ganze Menge Spekulation zu endgültiger Wahrheit aufgemotzt worden.»

Climagate (continued)

•Januar 30, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

aus: readers edition, 25. Januar 2010

Jetzt haben auch die USA ihren Klimagate-Skandal

Vor kurzem war es einmal wieder so weit. Wie schon in den vergangenen Jahren, blickten die Menschen auch dieses Jahr wieder gespannt nach New York, wo der Direktor des Nasa Goddard Institutes (GISS) und Klimaguru James Hansen den offiziellen Wert der Globaltemperatur bekannt gab und uns gleichzeitig mitteilte, wie besorgniserregend dieser Wert denn diesmal für den Fortbestand der Menschheit ausgefallen ist.

Das Ergebnis seiner Analysen ist dann auch eindeutig nicht dazu geeignet, uns in Sicherheit zu wiegen. Ganz im Gegenteil. In der am letzten Donnerstag veröffentlichten Presseerklärung heißt es, dass 2009 das bisher zweitwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnung sei. Wärmer wäre nur 2005 gewesen. Auch sei das vergangene Jahrzehnt das bislang wärmste seit Beginn der regelmäßigen Messungen.

GISS-Direktor Hansen will auch trotz der seit etwa zehn Jahren stagnierenden bis fallenden Globaltemperaturen nichts von einem Stoppen der Erderwärmung wissen. Schließlich genügt bereits ein einfacher statistischer Trick, um diese Phase aus den Daten verschwinden zu lassen:

“Wenn wir die Temperatur über 5 oder 10 Jahre mitteln, um die Variabilität zu minimieren, finden wir dass die globale Erwärmung unvermindert weitergeht.”

“When we average temperature over five or ten years to minimize that variability, we find global warming is continuing unabated.”

Wobei man erwähnen muss, dass die Analyse des GISS sich nicht mit denen anderer Institute deckt. So war das vergangene Jahr nach Daten des National Climate Data Centers (DCDC) das 5.-wärmste. Die Satellitenmessungen von UAH und RSS sahen 2009 nur auf Rang 6 beziehungsweise Rang 7. Daher mag man sich fragen, woher diese Unterschiede stammen, und wie verlässlich die Methoden zur Ermittlung der Globaltemperatur überhaupt sind.

Genau diese Frage haben sich in den USA ein Computerprogrammierer und ein zertifizierter Meteorologe auch gestellt.

Die Vorwürfe der beiden GISS-Kritiker, des Programmierers E. Michael Smith und des Meteorologen Josph D’Aleo, lassen sich in vier Punkten zusammenfassen.

  1. Die Computerprogramme zur Berechnung der Durchschnittstemperaturen wurden massiv verändert. Dadurch ist das Endergebnis nicht mehr der Durchschnitt von wirklichen Temperaturen an realen Orten. Stattdessen nutzen die Forscher Daten von Orten, die hunderte Kilometer entfernt sein können und wenden sie auf ein anderes Gebiet an.
  2. Die Anzahl der Messstationen ist dramatisch reduziert worden, von etwa 6000 bis in die späten 80er Jahre auf heute etwas mehr als 1000.
  3. Dabei sind vor allem solche Stationen eliminiert worden, die in kühleren Gegenden, in höheren Breiten oder höheren Höhen lagen, also solche, deren Temperatur niedriger ist.
  4. Die Temperaturen selbst wurden durch sogenannte Homogenisierung verändert, einem Prozess, der fast ausschließlich zu höheren Temperaturen zu führen scheint.

Joseph D’Aleo hat eine ausführliche Analyse der Ergebnisse seiner Studien zusammengestellt. Sie können sie auf seiner Homepage Icecap.us herunterladen. Eine sehr guten Artikel über Klimagate von Joseph D’Aleo finden Sie hier.

In dem äußerst empfehlenswerten Blog von E. Michael Smith gibt es viele weiter Details zu den Methoden, mit denen die Nasa die Temperaturdaten auf Erwärmung trimmt.

In den deutschen Medien hat dieser Skandal bisher kaum stattgefunden. Lediglich beim immer gut und aktuell informierenden Dirk Maxeiner auf der Achse des Guten und im Zeit-Leserartikel-Blog von “Schneefan” wurde bisher darüber berichtet.

Die Ergebnisse der Studien von Smith und D’Aleo sind zu umfangreich, um sie hier in wenigen Worten hinreichend zu behandeln. Wir werden daher in den nächsten Tagen einen mehr detaillierten Artikel zu der Affäre um die Temperaturdaten der Nasa schreiben. Bis dahin möchten wir Ihnen die Empfehlung von US-Wettermann und Begründer des “Weather Chanel”, John Coleman, mit auf den Weg geben: :

“Wenn Sie eine Nachricht hören, dass herausgefunden wurde, dass ein bestimmter Monat oder eine Jahreszeit die wärmste in der Geschichte war,  oder dass fünf der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnung im letzten Jahrzehnt lagen – glauben Sie es nicht.”

Zuerst erschienen im Science-Skeptical Blog

Weltwissenschaftsschmelze

•Januar 26, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn.

Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltergeignis schlechthin. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar.

Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

Dazu soll dieses Weblog ein Teilchen beitragen.”

So steht es in der Ankündigung dieses Blogs. Wenn einer nicht verstanden hat, was damit gemeint war, kommen Schweinegrippe und Gletscherschmelze gerade recht, um ihm zu zeigen, was passiert, wenn man der Politik erlaubt, sich hinter der Wissenschaft zu verbergen: Die Wissenschaft muss dran glauben, weil die Wissenschaftler “auch nur Menschen sind”, denen das Hemd näher sitzt als die Hose.

Es geht nicht um eine kleine Gaunerei eines Institutsleiters oder Akademiebeamten. Es geht um Weltpolitik in einem Sinn, wie es sie noch nie zuvor gab. Und es geht um Milliardenbeträge, die ganze Volkswirtschaften aus dem Gleichgewicht bringen können.


Der IPCC-Skandal – Der Damm bricht

aus: readers edition, 26. Januar 2010

You can fool some people sometimes,

but you can’t fool all the people all the time. – Bob Marley

Nachdem sich die hiesige Presse beim Klimagate-Skandal noch fast einstimmig darauf geeinigt hatte, dass der gesamte Umfang der Betrügereien rund um die etablierte Klimaforschung wohl ein wenig zu viel des Guten für die deutsche Öffentlichkeit ist, hat sie diese Zurückhaltung bei den jüngst publik gewordenen Ungereimtheiten um das IPCC offensichtlich aufgegeben. Allmählich wird deutlich, dass die Veröffentlichung der durchgesickerten oder gehackten E-Mails und Daten der University of East Anglia zu einer nachhaltigen Veränderung in der Berichterstattung über die Klimawissenschaft geführt hat.

Glaubwürdigkeit der Klimawissenschaft wird immer mehr in Frage gestellt

So war ziemlich sicher auch die im Zuge von Klimagate verlorene Glaubwürdigkeit der Klimaforschung ein Grund dafür, dass Journalisten das Bedürfnis hatten, kritischen Kommentaren, die bislang meist nur in Internetblogs zu lesen waren, etwas genauer auf den Grund zu gehen. Als Anfang November letzten Jahres indische Wissenschaftler das IPCC beschuldigt hatten, bei den Vorhersagen zum Glescherschwund massiv zu übertreiben (wir berichteten), hielt man das noch für eine Außenseitenmeinung und ignorierte diese dementsprechend. Jetzt, nach Klimagate, sieht die Sache anders aus.

Wird Pachauris Kopf als erstes rollen?

Damals konnte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri die Sache noch damit abtun, dass er seinen indischen Kollegen “extreme Arroganz” vorwarf und auf die überragende wissenschaftliche Expertise des IPCC verwies. Heute sieht es mehr danach aus, dass Pachauris Kopf der erste sein wird, der als Folge der IPCC-Affäre rollen wird (auch hier). Wobei vor allem Pachauris finanzielle Verstrickungen und Interessenkonflikte immer mehr in den Vordergrund rücken.

Und heute, nach Klimagate, zeigen auch die Medien plötzlich ein bisher ungekanntes Interesse an den fragwürdigen Praktiken des IPCC. So staunten einige Spiegel Leser nicht schlecht, als sie heute morgen die aktuelle Ausgabe aufschlugen. Dort stellte Autor Gerald Traufetter ein “Schmelzendes Vertrauen“ in den Weltklimarat fest und auf Spiegel Online wurde dann auch zur Rettung des Weltklimarates aufgerufen. Und selbst mein Haussender, der WDR, rückte auf einmal merklich von seiner bisher kritiklosen IPCC-Gläubigkeit ab. Nachdem letzte Woche noch sehr zarte kritische Worte zu vernehmen waren, wurde der Ton heute schon deutlicher.

Noch etwas näher am Geschehen war die “Welt”, die letzte Woche vermutete, dass der Bericht des Weltklimarates noch weit mehr Fehler enthält, als der bis dato bekannt gewordene “Zahlendreher” bei der Gletscherschmelze im Himalaja. Und so stellte sich am Wochenende zunächst heraus, dass der vermeintliche Flüchtigkeitsfehler dem IPCC sehr wohl bekannt war, man aber aus dramaturgischen Gründen entschied, die unbelegbaren Behauptungen beizubehalten (auch hier)

IPCC sieht den WWF als wissenschaftliche Quelle an

Und es dauerte auch nicht lange, bis weiter Ungereimtheiten im IPCC-Bericht gefunden wurden. Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und Naturkatastrophen beruhten auf zweifelhaften Studien, die Schäden durch Extremwetterereignisse wurden viel zu hoch angesetzt, und entgegen der ständigen Beteuerungen des IPCC basiert deren Report nicht ausschließlich auf wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit entsprechender Begutachtung. Die kanadische Journalistin Donna Laframboise hat nach eigenem Bekunden nur wenige Stunden gebraucht, um eine beeindruckende Liste von im IPCC Bericht zitierten Studien zu erstellen, die nicht wissenschaftliche Ergebnisse, sondern eher die Meinung einer dem umweltpolitischen Kampagnenorganisation widerspiegeln.

  • Allianz and World Wildlife Fund, 2006: Climate change and the financial sector: an agenda for action, 59 pp. [Accessed 03.05.07: http://www.wwf.org.uk/ filelibrary/pdf/allianz_rep_0605.pdf]
  • Austin, G., A. Williams, G. Morris, R. Spalding-Feche, and R. Worthington, 2003: Employment potential of renewable energy in South Africa. Earthlife Africa, Johannesburg and World Wildlife Fund (WWF), Denmark, November, 104 pp.
  • Baker, T., 2005: Vulnerability Assessment of the North-East Atlantic Shelf Marine Ecoregion to Climate Change, Workshop Project Report, WWF, Godalming, Surrey, 79 pp.
  • Coleman, T., O. Hoegh-Guldberg, D. Karoly, I. Lowe, T. McMichael, C.D. Mitchell, G.I. Pearman, P. Scaife and J. Reynolds, 2004: Climate Change: Solutions for Australia. Australian Climate Group, 35 pp. http://www.wwf.org.au/ publications/acg_solutions.pdf
  • Dlugolecki, A. and S. Lafeld, 2005: Climate change – agenda for action: the financial sector’s perspective. Allianz Group and WWF, Munich [may be the same document as “Allianz” above, except that one is dated 2006 and the other 2005]
  • Fritsche, U.R., K. Hünecke, A. Hermann, F. Schulze, and K. Wiegmann, 2006: Sustainability standards for bioenergy. Öko-Institut e.V., Darmstadt, WWF Germany, Frankfurt am Main, November
  • Giannakopoulos, C., M. Bindi, M. Moriondo, P. LeSager and T. Tin, 2005: Climate Change Impacts in the Mediterranean Resulting from a 2oC Global Temperature Rise. WWF report, Gland Switzerland. Accessed 01.10.2006 at http://assets.panda.org/downloads/medreportfinal8july05.pdf.
  • Hansen, L.J., J.L. Biringer and J.R. Hoffmann, 2003: Buying Time: A User’s Manual for Building Resistance and Resilience to Climate Change in Natural Systems. WWF Climate Change Program, Berlin, 246 pp.
  • http://www.panda.org/about_wwf/what_we_do/climate_change/our_solutions/business_industry/climate_savers/ index.cfm
  • Lechtenbohmer, S., V. Grimm, D. Mitze, S. Thomas, M. Wissner, 2005: Target 2020: Policies and measures to reduce greenhouse gas emissions in the EU. WWF European Policy Office, Wuppertal
  • Malcolm, J.R., C. Liu, L. Miller, T. Allnut and L. Hansen, Eds., 2002a: Habitats at Risk: Global Warming and Species Loss in Globally Significant Terrestrial Ecosystems. WWF World Wide Fund for Nature, Gland, 40 pp.
  • Rowell, A. and P.F. Moore, 2000: Global Review of Forest Fires. WWF/IUCN, Gland, Switzerland, 66 pp. http://www.iucn.org/themes/fcp/publications /files/global_review_forest_fires.pdf
  • WWF, 2004: Deforestation threatens the cradle of reef diversity. World Wide Fund for Nature, 2 December 2004. http://www.wwf.org/
  • WWF, 2004: Living Planet Report 2004. WWF- World Wide Fund for Nature (formerly World Wildlife Fund), Gland, Switzerland, 44 pp.
  • WWF (World Wildlife Fund), 2005: An overview of glaciers, glacier retreat, and subsequent impacts in Nepal, India and China. World Wildlife Fund, Nepal Programme, 79 pp.
  • Zarsky, L. and K. Gallagher, 2003: Searching for the Holy Grail? Making FDI Work for Sustainable Development. Analytical Paper, World Wildlife Fund (WWF), Switzerland

Und als besondere Schmankerl fand Laframboise noch zwei Arbeiten, die in den klimawissenschaftlich sicher äußerst bedeutsamen Magazinen Leisure (Freizeit) und Event Management publiziert wurden.

  • Jones, B. and D. Scott, 2007: Implications of climate change to Ontario’s provincial parks. Leisure, (in press)
  • Jones, B., D. Scott and H. Abi Khaled, 2006: Implications of climate change for outdoor event planning: a case study of three special events in Canada’s National Capital region. Event Management, 10, 63-76

Kritik am IPCC reißt nicht ab

So sieht sie also aus, die Datenbasis für den Zustandsbericht unserer Welt, erstellt von den 3000 besten (oder vielleicht nur bestbezahlten) Wissenschaftlern, die der Planet je hervorgebracht hat. Und immer neue Fragen rund um das IPCC tauchen auf. So wurde als letztes bekannt gegeben, dass auch die Aussagen des Weltklimarates bezüglich der Gefahr des Klimawandels für den Regenwald keine vernünftige wissenschaftliche Basis zu haben scheinen. Nach Klimagate, Pachaurigate und Gletschergate kommt nun Amazonasgate.

Wenn man bedenkt, dass aufgrund der Ergebnisse dieses Reports politische Entscheidungen getroffen werden, die das Verschieben von tausenden Milliarden Euro beinhalten und letztlich zu einem totalen Umbau unseres Wirtschaftssystems führen sollen, dann kann einem nur Angst und Bange werden.

Zuerst erschienen im Science-Skeptical Blog


Dossier: Wie verändert das Internet unser Denken?

•Januar 26, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar
Die Frage des Jahres 2010: Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?

I. Geoffrey Miller: „Wikipedia ist mein verlängertes Gedächtnis“

II. Nassim Taleb: „Wir befinden uns in einer explosiven Situation“

III. Kevin Kelly: „Ich bin mir über gar nichts mehr sicher“

IV. Gerd Gigerenzer: „Die Auslagerung des Geistes“

V. Nicholas Carr: „Tiefen und Untiefen“

VI. Sam Morris: „Wir werden hochgeladen“

VII. John Markoff: „Im Spiegel des Netzes“

*

Vorwort

von Frank Schirrmacher

[Am vergangenen Freitag veröffentlichte] der amerikanische Literaturagent John Brockman die Frage des Jahres 2010: Wie verändern Internet und vernetzte Computer die Art, wie wir denken? Im Kern der Diskussion steckt die Frage des Wissenschaftshistorikers George Dyson: „Sind der Preis für Maschinen, die denken, Menschen, die es nicht mehr tun?“

Brockman, der einige der wichtigsten Wissenschaftler der Gegenwart zu seinen Autoren zählt, umkreist diese Vision auf Edge.org mit hunderteinundzwanzig Antworten. [Die FAZ druckt] die interessantesten in [ihrem] Feuilleton. Anders als in Deutschland, wo die Debatte über das Informationszeitalter noch immer ein von Interessen geprägtes Palaver über Medien ist, zielt die Edge-Debatte in die Tiefe.

Wer plant was, wo, mit welchen Mitteln?

Gerade wenn man die digitale Revolution ernst nimmt, muss man die Frage stellen, wie sehr die industrialisierte Kommunikation des einundzwanzigsten Jahrhunderts unser Denken verändern wird. Der Computerpionier Daniel Hillis beschreibt, wie selbst ein so simpler Vorgang wie die Programmierung der Uhrzeit über vernetzte Computer heute von vielen Programmierern kaum noch verstanden wird. Und er folgert, mit Blick auf Klimawandel und Finanzkrise: „Unsere Maschinen sind Verkörperungen unserer Vernunft, und wir haben ihnen eine Vielzahl unserer Entscheidungen übertragen. In diesem Prozess haben wir eine Welt geschaffen, die jenseits unseres Verstehens liegt. Fachleute diskutieren nicht mehr über Daten, sondern darüber, was die Computer aufgrund der Daten vorhersagen.“

Neurobiologische Auswirkungen permanenten Multitaskings führen, wie Nicholas Carr schreibt, zu Auslagerungen, zu immer größerer Abhängigkeit von den Rechnern. Was, wenn die Entscheidungsträger nicht mehr nur Entscheidungen über Kredite und Budgets von Rechnern abhängig machen, sondern auch solche über Lebensläufe? Das Profiling wird, nach den jüngsten Vorkommnissen in Amerika, zu einem noch wichtigeren Mittel webgestützter „Pre-crime“-Analytik: Wer plant was, wo, mit welchen Mitteln? Doch was mit Terroristen funktioniert, funktioniert auch, wie ein Blick auf Cataphora.com zeigt, in Unternehmen und an Arbeitsplätzen.

Längst von der Wirklichkeit überholt

Einige der von Brockman befragten Autoren finden nicht, dass das Netz ihr Denken verändert. Andere sehen das anders. Keiner, auch keiner der Skeptiker, sehnt sich in eine Zeit vor dem Internet zurück. Aber viele machen deutlich, dass das, was wir als User erleben, in der Tat nur ein „Surfen“ ist, eine Bewegung auf der Oberfläche. Die deutsche Internet-Debatte ist auf dem Stand der neunziger Jahre. Eine digitale Avantgarde von eigenen Gnaden, die entscheiden möchte, wer dazugehört, tut so, als wäre Kommunikation im Netz nicht kinderleicht und als genügte es in einer Zeit, da selbst „Die Grauen“ im Netz unterwegs sind, einen Blog zu besitzen, um sich als Kenner auszuweisen. Das ist verständlich, weil es Politik- und Verlagsberatung verkauft, aber als angeblich progressive Haltung ist es längst von der Wirklichkeit überholt. Brockmans Jahresfrage setzt den Akkord für Fragen, die über das Dafür oder Dagegen weit hinausgehen.

Sämtliche Texte wurden aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian.

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

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“Im Spiegel des Netzes”

9 01 2010

aus: FAZ.NET, 8. 1.2010

Von John Markoff

John Markoff Dreißig Jahre ist es her, dass Les Earnest, seinerzeit stellvertretender Direktor des Labors für Künstliche Intelligenz der Stanford University, mich in das ARPAnet, einen Vorläufer des heutigen Internet, einführte. Wir schrieben das Jahr 1979. Von seinem Haus in den Hügeln über dem Silicon Valley aus war er über ein Terminal und ein 2400-Baud-Modem mit Human Nets verbunden, einer quicklebendigen virtuellen Gemeinschaft, die den Einfluss neuer Technologien auf die Gesellschaft untersuchte.

An diesem Tag öffnete sich für mich ein Fenster auf eine unbändige Cyberwelt, die mir auf den ersten Blick als eine „sokratische Heimstätte“ erschien, um mit den Worten John Chownings, eines Komponisten und Pioniers der Computermusik zu sprechen. Für die nächsten anderthalb Jahrzehnte schloss ich mich dem Lager der „Internet-Utopisten“ an, wie ich sie mittlerweile nenne. Das Netz erschien mir als jene strahlende Stadt-auf-einem-Berge, die uns vom Schmutz und der Verdorbenheit der fleischlichen Welt befreien würde.

Der dystopische Charakter des Netzes

Zum Fackelträger dieser Ideologie wurde das Magazin „Wired“. Seinen Gipfelpunkt erreichte das Ideal wahrscheinlich mit John Perry Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von 1996. Ich Dummkopf hätte es besser wissen können. Bücher wie John Brunners „Der Schockwellenreiter“, William Gibsons „Neuromancer“, Neal Stephensons „Snowcrash“, Vernor Vinges „True Names“ und selbst weniger bekannte Klassiker wie „Die Mutter aller Stürme“ von John Barnes sollten doch alles deutlich genug ausmalen. Schon immer waren Science-Fiction-Autoren die besseren Sozialwissenschaftler, und als sie den dystopischen Charakter des Netzes beschrieben, trafen sie wieder einmal ins Schwarze.

In Wirklichkeit würde das Internet keinen auch nur entfernt utopischen Charakter annehmen, ungeachtet aller salbadernd verkündeten Visionen à la „Der Weg nach vorn“ von Koryphäen wie Bill Gates – einem Spätzünder in Bezug aufs Internet. Dies dämmerte mir im Laufe der 1990er Jahre und wurde durch die Affäre um den damaligen Hacker Kevin Mitnick besonders deutlich. Indem es jeden Menschen auf dem Planeten mit jedem anderen in direkten Kontakt brachte, öffnete das Netz eine Büchse der Pandora an allgemeiner Gehässigkeit.

Das Netz als Spiegel

Während das Netz in der Tat nationale Grenzen spielerisch überwand, läutete der Bedeutungsverlust des Lokalen keineswegs automatisch eine neue überlegene Cyberwelt ein. Das Netz verschärfte und beschleunigte schlichtweg Gutes wie Schlechtes und wurde faktisch zu einem Spiegel, in dem sich die Fantasien und Narreteien der Welt reflektierten. Willkommen in einer trostlosen Welt, die ziemlich an „Blade Runner“ erinnert und in der russische, ukrainische, nigerianische und amerikanische Cybergangster das Sagen haben und jede unserer Regungen und Bewegungen von einer Schar Großer und Kleiner Brüder überwacht wird.

Nicht nur habe ich mich in einen Internetpessimisten verwandelt, sondern seit einiger Zeit fühlt sich das Netz für mich regelrecht gespenstisch an. Ich will es nicht vermenschlichen, aber scheint es nicht einen eigenen Willen zu haben? Wir haben uns tief in eine Welt hineinbegeben, in der das Netz im Namen irgendeiner cyborghaften Zukunft die Werte praktisch jeder traditionellen Institution auslaugt. Werden wir alle assimiliert, oder sind wir’s schon? Moment mal! Bremst mich! Der Film hieß „Matrix“, oder?

Der Verfasser ist Silicon Valley-Korrespondent der New York Times. Zuletzt veröffentlichte er „What the Dormouse Said. How the Sixties Counterculture Shaped the Personal Computer Industry“.

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“Wir werden hochgeladen”

9 01 2010

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Sam Morris

Sam HarrisDie Vorstellung, der menschliche Geist werde eines Tages in ein gewaltiges Computernetzwerk wie das Internet hochgeladen, gehört mittlerweile zu den Grundzutaten wissenschaftlicher Phantasien oder Albträume. Während ich mir bezüglich der Frage, ob wir den neuronalen Code jemals knacken und unser Innenleben als Abfolge von Bits aus ihm herauslesen können, im Unklaren bin, muss ich feststellen, dass ich nach und nach bereits hochgeladen werde – wie vorhergesagt. So erinnerte ich mich neulich an eine berühmte Passage von Adam Smith, die ich gerne zitieren wollte: etwas über ein Erdbeben in China. Ich überlegte kurz, ob ich meine Bücherregale auf der Suche nach dem „Wohlstand der Nationen“ durchkämmen sollte.

Aber ich habe tausende von Büchern in meinem ganzen Haus verteilt, und das nicht besonders systematisch. Unlängst verbrachte ich eine Stunde damit, ein bestimmtes Werk zu finden, und eine weitere damit, es zu überfliegen, nur um zu dem Ergebnis zu kommen, dass es nicht jenes war, das ich eigentlich im Sinn hatte. Darauf wäre es auch im vorliegenden Fall hinausgelaufen, denn der Passus von Smith, den ich vage in Erinnerung hatte, findet sich in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“. Warum nicht einfach die Wörter „adam smith china erdbeben“ in Google eingeben? Auftrag erledigt.

Fragen des Abschreibens

Natürlich ist inzwischen so ziemlich jeder in dieser Weise auf das Internet angewiesen. Zunehmend jedoch verlasse ich mich auf Google, um mich an meine eigenen Gedanken zu erinnern. Als alter Faulpelz bin ich dafür anfällig, meine eigenen Arbeiten auszuschlachten: Eine Ausführung aus einem Vortrag wird in einen Zeitungskommentar eingeflochten; der Kommentar geht später in ein Buch ein; Ausschnitte aus dem Buch können dann wieder Teil eines Vortrags werden. Diese Methode führt dazu, dass ich mich gelegentlich frage, wie und wo und in welchem peinlichen Ausmaß genau ich von mir selbst abgeschrieben habe. Einmal mehr öffnen sich die Pforten der Erinnerung nicht in meinem mittleren Schläfenlappen, sondern in einem Rechnerverbund, der sehr weit von mir entfernt ist, vermutlich da, wo die Mieten niedrig sind.

Diese Migration ins Internet schließt inzwischen auch mein Gefühlsleben ein. So beteilige ich mich etwa gelegentlich an öffentlichen Debatten und Podiumsdiskussionen, bei denen ich auf irgendeinen über-, unter- oder falsch informierten Gegenspieler treffe. „Wie ist es gelaufen?“, fragen mich dann meine Frau oder meine Mutter. Ich weiß mittlerweile, dass ich diese Frage nicht beantworten kann, ohne mir die Debatte vorher online anzusehen – denn wie ich sie selbst in Erinnerung habe, stimmt häufig nicht mit dem Eindruck überein, den ich mir später von ihr mache, wenn ich sie mir anschaue. Welche Betrachtung entspricht der Wirklichkeit eher? Ich habe gelernt, auf die Youtube-Version zu setzen. Sie ist auf jeden Fall jene, die überdauern wird.

Überraschungen zu erwarten

Zunehmend entwickle ich Beziehungen zu anderen Forschern und Autoren, die sich ausschließlich online abspielen. Jerry Coyne und ich sind uns zuerst in einem Taxi in Mexiko begegnet. Davor hatten wir einander jedoch schon hunderte von Emails geschrieben. Nahezu jeder Satz, den wir je ausgetauscht haben, befindet sich in meinem „Gesendet“-Ordner. Somit ist unsere ganze Beziehung durchsuchbar. Ich habe viele andere Freunde und Ratgeber, die für mich auf diese Weise existieren, als Emailkorrespondenten. Mein Verständnis von Gemeinschaft hat sich dadurch tiefgreifend verändert. Es gibt Menschen, denen ich noch nie begegnet bin und die besser verstehen, was ich morgen denken werde, als einige meiner engsten Freunde.

Und man darf sich auf Überraschungen einstellen, wenn man diese digitale Korrespondenz einmal durchsieht. Unlängst durchsuchte ich den Ordner mit den gesendeten Emails nach der Wortfolge „Barack Obama“ und musste feststellen, dass mir 2004 jemand geschrieben hatte, um mir mitzuteilen, dass er seinem guten Freund Barack Obama ein Exemplar meines ersten Buches zukommen lassen wolle. Warum hatte ich keine Erinnerung an diesen Mailaustausch? Weil mir Barack Obama damals kein Begriff war. Indem ich meinen Bitstrom durchsuche, werde ich nicht nur daran erinnert, was ich einmal gewusst, sondern auch an das, was ich noch nie verstanden habe.

Ich bin keineswegs ein Computerfreak. Ich bin in keinem sozialen Netzwerk; ich twittere (noch) nicht; und ich lade keine Bilder bei Flickr hoch. Aber selbst in meinem Fall erfordert eine ehrliche Reaktion auf die delphische Aufforderung „Erkenne dich selbst!“ bereits eine Internetsuche.

Sam Harris ist Neurowissenschaftler; Vorsitzender der Stiftung „The Reason Project“; Buchveröffentlichung: „Brief an ein christliches Land“. Eine Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus. Bertelsmann Verlag, München 2008.

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“Tiefen und Untiefen”

9 01 2010

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Nicholas Carr

Nicholas Carr Zu Beginn des Schuljahrs im vergangenen September verkündete die Cushing Academy – eine aufs College vorbereitende Spitzenprivatschule in Massachusetts, die seit den Tagen des Bürgerkriegs besteht -, sie werde ihre Bibliothek von Büchern leeren. Statt der tausenden von Bänden, die einmal dicht gedrängt die Regale gefüllt hatten, werde die Schule „Computer auf dem neusten Stand der Technik mit hochauflösenden Bildschirmen für Recherche und Lektüre“ installieren sowie „Monitore, die den Schülern Zugang zu Dialogdaten in Echtzeit und Nachrichteneinspeisungen aus der ganzen Welt verschaffen“. Cushings buchlose Bibliothek werde sich, prahlte Schulleiter James Tracy, „zu einem Modell für die Schule des einundzwanzigsten Jahrhunderts entwickeln“.

Die Geschichte fand kein großes Presseecho – sie kam und ging so schnell wie ein Tweet -, aber mir erschien sie als ein tiefer kultureller Einschnitt. Eine Bibliothek ohne Bücher wäre vor nur zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Heute scheint die Nachricht fast überfällig. Ich bin in den vergangenen Jahre häufig in Bibliotheken gewesen und habe mehr Menschen auf Computerbildschirme starren als in Büchern blättern sehen. Die wichtigste Funktion von Bibliotheken scheint heute bereits nicht mehr darin zu bestehen, den Zugang zu Druckwerken, sondern den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Beschleunigte Entwicklung

Es spricht alles dafür, dass sich diese Entwicklung noch beschleunigen wird. „Wenn ich ein Buch betrachte, dann sehe ich eine veraltete Technologie“, ließ Mr. Tracy einen Reporter des „Boston Globe“ wissen. Seine Schützlinge schienen mit ihm einer Meinung zu sein. Eine sechzehnjährige Schülerin nahm das Verschwinden der Bücher von der lockeren Seite. „Wenn man das Wort ‘Bibliothek‘ hört, denkt man an Bücher“, sagte sie. „Aber nur sehr wenige Schüler lesen auch wirklich Bücher.“

Was es einer Bildungseinrichtung wie Cushing so leicht macht, ihre Bücher über Bord zu werfen, ist die Annahme, dass die Wörter in den Büchern dieselben sind, ob sie nun auf Papier gedruckt oder aus Pixel oder elektronischer Tinte auf einem Bildschirm geformt werden. Ein Wort ist ein Wort ist ein Wort. „Wenn ich aus dem Fenster schaue und einen Schüler, eine Schülerin unter einem Baum sitzen und Chaucer lesen sehe“, so Tracy, „ist es für mich völlig bedeutungslos, ob sie dafür einen Kindle oder ein Taschenbuch nutzen.“ Das Medium, heißt das, spielt keine Rolle.

Ein Blick in die Geistesgeschichte

Aber Tracy irrt. Das Medium spielt sehr wohl eine Rolle, und zwar eine bedeutende. Wörter auf einem vernetzten Computer – ob einem PC, einem iPhone oder einem Kindle – zu lesen, ist ein ganz anderes Erlebnis, als dieselben Wörter in einem Buch zu lesen. Als Technologie betrachtet, bündelt ein Buch unsere Aufmerksamkeit, es schirmt uns von den unzähligen Ablenkungen ab, von denen unser Leben voll ist. Ein vernetzter Computer tut genau das Gegenteil. Er ist darauf ausgerichtet, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Er bietet keinen Schutz vor den Ablenkungen; vielmehr trägt er zu ihnen bei. Die Wörter auf einem Bildschirm existieren in einem Durcheinander konkurrierender Reize.

Das menschliche Gehirn, verrät uns die Wissenschaft, passt sich rasch an seine Umgebung an. Diese Anpassung findet auf einer tiefen biologischen Ebene statt und betrifft die Art und Weise, wie sich unsere Nervenzellen oder Neuronen miteinander verbinden. Die Technologien, mit deren Hilfe wir denken, einschließlich der Medien, die wir gebrauchen, um Informationen zu erlangen, aufzubewahren und mitzuteilen, sind entscheidende Bestandteile unserer intellektuellen Umwelt und prägen unser Denken in hohem Maße. Diese Tatsache wurde nicht nur im Labor bewiesen; schon ein flüchtiger Blick in die Geistesgeschichte kann sie nicht übersehen. Es mag für Tracy bedeutungslos sein, ob ein Schüler in einem Buch oder auf einem Bildschirm liest. Für den Geist dieses Schülers ist es nicht bedeutungslos.

Geschäftige Interaktivität

Meine eigenen Lektüre- und Denkgewohnheiten haben sich dramatisch gewandelt, seit ich mich vor rund fünfzehn Jahren zum ersten Mal ins Web einwählte. Heute lese und recherchiere ich hauptsächlich online. Und dies hat mein Gehirn verändert. Zwar bin ich geübter darin geworden, durch die Stromschnellen des Netzes zu steuern, doch hat meine Fähigkeit, mich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, kontinuierlich nachgelassen. Nachdem die Tiefe unserer Überlegungen direkt mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit zusammenhängt, fällt es schwer, den Schluss zu vermeiden, dass unser Denken seichter wird, während wir uns an die geistige Umwelt des Netzes anpassen.

Es gibt so viele menschliche Gehirne, wie es Menschen gibt. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Reaktionen auf den Einfluss des Internet, und folglich auf die diesjährige Edge-Frage, aus vielen Perspektiven erfolgen werden. Manch einer wird in der geschäftigen Interaktivität des vernetzten Displays eine Umwelt sehen, die ideal für seine geistigen Neigungen geeignet ist. Andere werden eine katastrophale Erosion der Fähigkeit von Menschen sehen, sich ruhigerer, meditativerer Denkweisen zu befleißigen. Viele werden sich wahrscheinlich irgendwo zwischen den Extremen bewegen und dankbar für die Reichtümer sein, die das Netz bietet, sich aber besorgt über seine langfristigen Auswirkungen auf die Tiefe der individuellen intellektuellen und der kollektiven Kultur zeigen.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen glaube ich, dass wir Gefahr laufen, mindestens so viel zu verlieren, wie wir gewinnen können. Mir tun die Kinder in der Cushing Academy leid.

Nicholas Carr ist Wissenschaftspublizist. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören „The big switch. Der große Wandel. Die Vernetzung der Welt von Edison bis Google“ sowie der international vieldiskutierte Essay „Is Google making us stupid?“

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“Die Auslagerung des Geistes”

9 01 2010

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Gerd Gigerenzer

Gerd GigerenzerAls ich im Herbst 1989 an das „Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences“ in Palo Alto kam, warf ich einen neugierigen Blick in mein neues kajütenartiges Büro. Verblüffenderweise enthielt der Raum nicht die geringste technische Ausstattung, kein Telefon, kein Email oder sonstige Kommunikationsmittel. Nichts würde hier meine Gedankengänge unterbrechen können. Die technischen Hilfsmittel standen außerhalb der Büros zur Verfügung, wann immer man wünschte, durften aber nicht in den Arbeitszimmern ihr Eigenleben entfalten. Diese geschützte Zone war bewusst darauf angelegt, den Gelehrten die nötige Zeit zum Nachdenken, und zwar zu tiefem Nachdenken, zu verschaffen.

Mittlerweile aber hat sich das Center, wie andere Institutionen auch, der Technologie ergeben. Heute erwarten die Menschen im Zustand ständiger Alarmbereitschaft die nächste Email, die nächste SMS, als versprächen sie sich von ihnen die endgültige, weltbewegende Erkenntnis. Ich finde es erstaunlich, dass Gelehrte der „denkenden Zunft“ ihre Aufmerksamkeit so leicht von außen beherrschen und einem Minutentakt unterwerfen lassen – wie jemand, der bereit ist, ein gutes Gespräch auf das Klingeln eines Handys hin zu unterbrechen. Würden jede Sekunde neue Mitteilungen auf meinem Bildschirm auftauchen, könnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dem ursprünglichen Geist des Centers treu, lese ich meine Emails auch heute nur einmal am Tag und schalte mein Mobiltelefon nur ein, wenn ich jemanden anrufen will. Ein oder zwei Stunden am Tag ohne jegliche Unterbrechung sind für mich der Himmel auf Erden.

Der durchschnittliche moderne Kopf

Das Internet lässt sich aber auch aktiv statt reaktiv nutzen, sprich es lässt sich verhindern, dass es darüber bestimmt, wie lange man grübeln darf und wann man seinen Gedankengang abbrechen muss. Stellt sich die Frage, ob auch ein aktiver Umgang mit dem Internet unser Denken verändert. Ich glaube, ja. Das Internet stellt unsere kognitiven Funktionen davon, Informationen in unserem eigenen Kopf zu suchen, auf die Informationssuche außerhalb unseres Kopfes um. Es ist freilich nicht die erste Technologie, die das tut.

Nehmen wir nur die Erfindung, die das menschliche Geistesleben mehr als alles andere verändert hat: die Schrift und in der Folge die Druckerpresse. Die Schrift eröffnete die Möglichkeit, zu analysieren; geschriebene Texte kann man vergleichen, was in einer rein mündlichen Tradition schwierig ist. Die Schrift ermöglichte auch Genauigkeit, etwa in der höheren Arithmetik – ohne irgendeine Form von schriftlicher Aufzeichnung geraten diese geistigen Fähigkeiten schnell an ihre Grenzen. Doch entwertet die Schrift das Langzeitgedächtnis, und die Kunst des Auswendiglernens ist an den Schulen im Wesentlichen durch das Einüben von Lesen und Schreiben ersetzt worden.

Die meisten von uns können sich kein einstündiges Volksmärchen und keine Lieder mehr merken, was in einer mündlichen Tradition selbstverständlich war. Der durchschnittliche moderne Kopf hat ein schwach ausgeprägtes Langzeitgedächtnis, vergisst eher schnell und sucht lieber in äußeren Quellen wie Büchern nach Informationen als im eigenen Gedächtnis. Das Internet hat diese Entwicklung, Wissen von innen nach außen zu verlagern, noch verstärkt und uns zu neuen Strategien verholfen, wie man mit Suchmaschinen findet, was man wissen möchte.

Eine Art Kollektivgedächtnis

Dies soll nicht heißen, dass unser Geist vor der Schrift, der Druckerpresse und dem Internet nicht über die Fähigkeit verfügte, Informationen aus externen Quellen abzurufen. Nur waren diese Quellen andere Menschen, und die erforderlichen Fertigkeiten waren sozialer Natur, wie etwa die Künste der Überredung und der Konversation. Um Informationen aus Wikipedia zu beziehen, benötigt man hingegen keine sozialen Fertigkeiten mehr.

Das Internet ist im Kern ein gigantischer Informationsspeicher, und wir befinden uns mitten in dem Prozess, die Speicherung und das Abrufen von Informationen aus unseren Köpfen in den Computer auszulagern, so wie viele von uns bereits die Fähigkeit des Kopfrechnens in den Taschenrechner ausgelagert haben. In diesem Prozess könnten wir einige Fertigkeiten einbüßen, wie etwa das Vermögen, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren und große Informationsmengen im Langzeitgedächtnis zu speichern. Doch verhilft uns das Internet auch zu neuem Know-how, wie man an Informationen herankommt.

Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere geistigen Vermögen und die Technologie ein zusammenhängendes System bilden. Das Internet ist eine Art Kollektivgedächtnis, an das sich unser Geist anpassen wird, bis es einmal durch eine neue Technologie ersetzt wird. Dann werden wir andere kognitive Fertigkeiten auslagern – und hoffentlich neue erlernen.

Der Verfasser ist Psychologe und Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“.

“Ich bin mir über gar nichts mehr sicher”

8 01 2010

aus: FAZ.NET, 8. 1. 2010

Von Kevin Kelly

Kevin KellyBekanntlich verändern die Technologien, die wir verwenden, die Arbeitsweise unseres Gehirns. Psychologen und Hirnforscher haben experimentell nachgewiesen, dass sich die Gehirnorganisation von schreib- und lesekundigen Menschen und Analphabeten nicht nur hinsichtlich der Sprachverarbeitung, sondern auch bezüglich visueller Wahrnehmung, logischem Schließen, Gedächtnis- strategien und formal-operationalem Denken unterscheiden. Wenn die Kenntnis des Alphabets unsere Denkweise verändern kann, lässt sich erahnen, wie eine entsprechende Kenntnis des Internet und täglich zehn vor Bildschirmen zugebrachte Stunden unser Gehirn beeinflussen. Die erste bildschirmkundig aufgewachsene Generation wird gerade erst erwachsen, sodass wissenschaftliche Untersuchungen über die vollen Auswirkungen dieser Vorgänge es allgegenwärtigen Verbundenseins noch ausstehen. Aber ausgehend von meinem eigenen Verhalten möchte ich ein paar Vermutungen anstellen.

Schon lange versuche ich nicht mehr, mir Fakten zu merken oder auch nur, wo ich sie herhabe. Ich habe gelernt, wie ich im Internet an sie herankomme. Mein Wissen ist damit prekärer geworden. Für jedes allgemein akzeptierte Partikel Wissen, das ich finde, ist sofort jemand zur Hand, der es in Abrede stellt. Jede Tatsache hat eine Gegentatsache. Die extreme Verlinkung des Internet macht die Gegentatsachen genauso sichtbar wie die Tatsachen. Manche Antitatsachen sind unsinnig, manche grenzwertig und manche stichhaltig. Kein Experte kann sie für uns auseinandersortieren, weil es für jeden Experten einen gleichwertigen Gegenexperten gibt.

Somit unterliegt alles, was ich lerne, der Erosion durch diese allgegenwärtigen Antifaktoren.

Ich bin mir zunehmend über gar nichts mehr sicher. Statt von anderswo Autorität zu beziehen, bin ich gezwungen, mir meine eigene Gewissheit zu schaffen, und zwar in Bezug auf alles, womit ich in Berührung komme, also inklusive solcher Felder, auf denen ich nicht über die geringsten eigenen Kenntnisse verfüge. Im Großen und Ganzen gehe ich also immer stärker davon aus, dass das, was ich weiß, gar nicht stimmt. Mag das eine ideale Einstellung für einen Wissenschaftler sein, so impliziert es zugleich eine steigende Wahrscheinlichkeit dafür, dass ich meine Meinung aus den falschen Gründen ändere. Derartig von Ungewissheit umschlossen zu sein, ist eine der Weisen, wie sich mein Denken verändert hat.

Ungewissheit ist wie eine Flüssigkeit. Mein Denken scheint mir flüssiger geworden, es gleicht eher dem Text in Wikipedia als dem im Buch. Ich ändere häufiger meine Meinung. Meine Interessen sind kurzlebiger. Ich bin weniger an der Wahrheit als an Wahrheiten interessiert. Meinem Gefühl nach spielt das Subjektive eine wichtige Rolle dabei, das Objektive von vielen Datenpunkten aus zusammenzusetzen. Sich wie eine unvollkommene Wissenschaft stufenweise um Fortschritte zu bemühen, scheint mir der einzige Weg zu sein, überhaupt etwas zu wissen.

Während ich in das Netzwerk der Netzwerke eingeklinkt bin, empfinde ich mich selbst als ein Netzwerk, das versucht, aus unzuverlässigen Teilen Verlässlichkeit zu gewinnen. Und in meinem Streben, Wahrheiten aus Halbwahrheiten, Unwahrheiten und frei flottierenden Wahrheiten zusammenzusetzen, fühlt sich mein Geist von flüssigen Formen des Denkens und flüssigen Medien wie Mashups (Neukombinationen bestehender Medieninhalte), Twitter und Suchprogrammen angezogen.

Jemand, der mein Surfverhalten in diesem glitschigen Netz der Ideen beobachtete, bekäme einen Tagtraum zu sehen. Der tranceartige Zustand, in den wir verfallen, wenn wir dem ungerichteten Pfad der Links folgen, mag reine Zeitverschwendung sein oder, wie beim Träumen, produktive Zeitverschwendung. Vielleicht zapfen wir das kollektive Unbewusste auf eine Weise an, wie wir es nicht vermochten, als wir dem gerichteten Strahl von Radio, Fernsehen und Zeitung folgten. Vielleicht können wir als Klickträumer alle den gleichen Traum träumen, ganz unabhängig davon, was wir anklicken.

Der Wachtraum, den wir Internet nennen, lässt auch die Grenzen zwischen meinen ernsthaften und meinen spielerischen Gedanken verschwimmen: Ich kann online nicht mehr unterscheiden, wann ich arbeite und wann ich spiele. Für manchen markiert die Auflösung dieser beiden Bereiche genau das, was mit dem Internet nicht stimmt: Es ist eine teure Zeitverschwendung und bringt lauter Belanglosigkeiten hervor. Ich jedoch schätze eine ordentliche Zeitverschwendung als notwendige Voraussetzung von Kreativität. Wichtiger noch: Ich halte die Verschmelzung von Arbeit und Spiel, von strengem und spielerischem Denken, für eine der großartigsten Errungenschaften des Internet.

Tatsächlich wird die Tendenz des Netzes, unsere Aufmerksamkeit zu schwächen, überschätzt. Im Gegenteil stelle ich fest, dass immer kleinere Informationshäppchen meinem verbildeten Geist volle Konzentration abverlangen können. Und nicht nur mir geht das so; alle berichten davon, wie sie der Verlockung schneller, winziger informativer Unterbrechungen erliegen. Als Reaktion auf dieses unaufhörliche Trommelfeuer von Bits hat die Internetkultur eifrig umfangreichere Werke in kleine verkäufliche Schnipsel zerlegt. Musikalben werden liedweise verkauft, Filme zu Trailern zerhackstückt und Zeitungen zu Tweets. Ich schwimme glücklich in diesem anschwellenden Ozean von Fragmenten.

Auch die Jagd nach solchen Leckerbissen im Netz und das Surfen in seinem glänzenden Traum haben meine Denkgewohnheiten verändert. Mein Denken ist aktiver geworden, weniger kontemplativ. Statt auf eine Frage oder Intuition zunächst ziellos in meiner eigenen Unwissenheit herumzustochern, fange ich gleich damit an, etwas zu tun. Sofort, unverzüglich lege ich los.

Ich lege los und schaue, suche, frage, hinterfrage, reagiere auf Daten, stürze mich hinein, hinterlasse Notizen, Lesezeichen, eine Spur, einen ersten Ansatz, mir etwas anzueignen. Ich reagiere heute auf Ideen, bevor ich über sie nachdenke. Die Entstehung von Blogs und Wikipedia geht genau auf diesen Impuls zurück: erst zu handeln (zu schreiben) und später nachzudenken (zu filtern). Vor meinem geistigen Auge sehe ich hunderte Millionen Menschen, die in diesem Augenblick online sind. Mir scheinen sie durchaus nicht ihre Zeit mit unsinnigen assoziativen Links zu vergeuden, sondern sich einer produktiveren Form von Denken zu befleißigen, als es die entsprechenden hunderte Millionen Menschen vor fünfzig Jahren taten.

Zwar fördert diese Herangehensweise Stückwerk, überraschenderweise erlaubt sie uns aber zugleich, Werken größere Aufmerksamkeit zu widmen, die wesentlich komplexer, umfangreicher und komplizierter sind als jemals zuvor. Diese neuen Schöpfungen enthalten mehr Daten, erfordern mehr Aufmerksamkeit und werden umso erfolgreicher, je weiter das Internet wächst. Diese parallele Entwicklung ist nur deshalb nicht auf den ersten Blick zu sehen, weil eine verbreitete kurzsichtige Formel das Internet auf Texte reduziert.

In einer ersten Annäherung besteht das Internet aus Wörtern auf einem Bildschirm – Google, Aufsätze, Blogs. Dieser erste Eindruck übersieht freilich den so viel größeren Unterleib des Netzes – Bewegtbilder auf einem Bildschirm. Nicht nur junge Leute suchen nicht als erstes nach Büchern und Texten, sondern nach YouTube, Spielen, Videos. Neue visuelle Medien strömen in Scharen ins Netz. Hier liegt der Fokus des Interesses. Aufgrund der Onlinepräsenz von Filmfans, der Streaming-on-Demand-Technologie und all den anderen flüssigen Möglichkeiten des Internet haben Regisseure begonnen, Filme von über hundert Stunden Länge zu schaffen. Ausgedehnte Epen wie „Lost“ und „The Wire“ verfügen über mehrere miteinander verwobene Handlungsstränge, Figuren, die in verschiedenen Handlungssträngen auftauchen, sowie tiefschichtige Charaktere, und sie setzen ein Maß an Aufmerksamkeit voraus, von dem herkömmliche Filme nur träumen konnten. Auch die Komplexität und Schwierigkeit von Computerspielen kann mit diesen Marathonfilmen oder jedem großen Buch mithalten. Meine Aufmerksamkeit jedenfalls hat nicht gelitten, im Gegenteil.

Die wichtigste Hinsicht jedoch, in der das Internet den Fokus meiner Aufmerksamkeit verändert hat, besteht darin, dass es zu einem Ganzen geworden ist. Es sieht nur so aus, als würde ich endlose Nanosekunden mit einer Serie von Tweets verbringen, endlose Mikrosekunden zwischen verschiedenen Webseiten surfen oder mich lediglich für ein paar schlappe Minuten von einem Buchauszug zum nächsten treiben lassen. In Wirklichkeit widme ich meine Aufmerksamkeit zehn Stunden am Tag dem Internet, und das praktisch uneingeschränkt. Wie Sie übrigens auch.

Wir führen ein intensives und ununterbrochenes Gespräch mit diesem Riesending. Der Umstand, dass es sich aus Millionen nur lose miteinander verbundener Einzelteile zusammensetzt, täuscht. Die Programmierer von Websites, die Horden von Online-Kommentatoren und die Hollywood-Mogule, die uns widerwillig ihre Filme im Netz anschauen lassen, glauben nicht, dass sie bloß Pixel in einer großen globalen Show sind, aber sie sind es. Es ist zu einem einzigen Ding geworden, einem Gesamtmedium / Intermedium / Zwischenmedium, auf das zwei Milliarden Bildschirme starren. Das ganze Bündel an Verbindungen mit all seinen Büchern, Seiten, Tweets, Filmen, Spielen, Foren, Newsgroups, Streams gleicht einem gewaltigen globalen Buch (oder Film oder …). Wir beginnen gerade erst zu lernen, wie man es liest. Zu wissen, dass dieses riesige Ding existiert und dass ich permanent mit ihm im Gespräch bin, hat mein Denken verändert.

Kevin Kelly ist Editor-at-Large des Magazins „Wired“. Sein Buch „Out of Control. The New Biology of Machines, Social Systems, and the Economic World“ war die Grundlage des Films „Matrix“. Zurzeit entsteht sein neuestes Buch mit dem Titel „The Technium“ als work in progress auf seiner Website www.kk.org

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“Wir befinden uns in einer explosiven Situation”

8 01 2010

aus: FAZ.net, 8. 1. 2010

Von Nassim Taleb

Nassim TalebFrüher dachte ich, das Problem mit der Information bestünde darin, dass sie den Homo sapiens zum Narren macht: Sie führt zu wachsendem, aber unverhältnismäßigem Vertrauen gerade in Bereichen, in denen Informationen mit einer gehörigen Menge Rauschen verbunden sind (etwa in der Epidemiologie, der Genetik, den Wirtschaftswissenschaften). Am Ende glauben wir, mehr zu wissen, als wir in Wirklichkeit tun, was im Wirtschaftsleben dazu führt, dass wir idiotische Risiken eingehen.

Als ich mit Wertpapieren zu handeln begann, setzte ich mich auf eine Nachrichtendiät und sah die Dinge klarer. Ich bemerkte auch, dass Menschen zu viele Theorien auf der Grundlage isolierter Nachrichten konstruierten und sich zu „Narren des Zufalls“ machten. In Wirklichkeit ist aber alles noch viel schlimmer. Heute glaube ich darüber hinaus, dass die Zurverfügungstellung und Verbreitung von Informationen die Welt in ein Extremistan verwandeln – eine Welt mithin, in der nach meiner Einschätzung Zufallsvariablen von Extremen dominiert werden, bei denen schwarze Schwäne eine wichtige Rolle spielen. Indem es Informationen verbreitet, bewirkt das Internet zunehmende wechselseitige Abhängigkeiten ebenso, wie es Modeerscheinungen verstärkt – Bestseller wie Harry Potter oder ein Ansturm auf die Banken werden zu globalen Ereignissen. Eine solche Welt ist „komplexer“, sprunghafter und viel schlechter vorherzusagen.

Was Zentralbanker übersehen

Wir befinden uns also in einer explosiven Situation: Mehr Informationen, die wir vor allem dem Internet verdanken, führen zu mehr Vertrauen und mehr eingebildetem Wissen, während sie Entwicklungen zugleich unvorhersagbarer werden lassen.

Die Wirtschaftskrise, die wir seit 2008 erleben, bietet ein gutes Beispiel: Ungefähr eine Million Menschen auf diesem Planeten verstehen sich selbst als Wirtschaftswissenschaftler. Nur eine Handvoll von ihnen jedoch hatte einen Begriff von der Möglichkeit und dem Ausmaß dessen, was geschehen konnte, und sicherten sich selbst gegen die Folgen ab. Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben wir es mit einer solchen Ignoranz (wie anhand der Vorhersagefehler leicht zu bemessen ist) in Verbindung mit einer solchen intellektuellen Hybris zu tun gehabt. Noch nie zuvor haben Zentralbanker elementare Risikokennzahlen wie Schuldenstände, die schon die Babylonier gut verstanden, einfach übersehen.

Ich wachse wieder

Unlängst unterhielt ich mich mit einem Wissenschaftler von seltener Klugheit und Gelehrtheit, Jon Elster, der in seinen sozialwissenschaftlichen Forschungen Einsichten von Autoren der vergangenen 2500 Jahre integriert – von Cicero und Seneca bis zu Montaigne und Proust. Elster machte mich darauf aufmerksam, wie anspruchsvoll Senecas Verständnis des Phänomens der Verlustaversion war. Ich empfand Schuldgefühle angesichts der Zeit, die ich im Internet zugebracht hatte. Als ich nach Hause kam, fand sich in meiner Post ein Band mit postumen Essays von Bischof Pierre-Daniel Huet, „Huetiana“ betitelt, den seine Bewunderer um 1722 zusammengestellt hatten. Es stimmt mich traurig einzusehen, dass ich, der ich fast vier Jahrhunderte nach Huet geboren wurde und hauptsächlich Texte gelesen habe, die nach seinem Tod geschrieben wurden, kaum klüger bin als er. Wir Modernen sind nicht klüger als unsere Vorfahren in der Antike, allenfalls etwas weniger kultiviert.

Also habe ich mich mittlerweile auf Internetdiät gesetzt, um die Welt ein bisschen besser zu verstehen – und wette einmal mehr auf entsetzliche Fehler der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger. Ganz versage ich mir das Netz nicht; es handelt sich lediglich um eine strenge Diät mit strikter Rationierung. Zweifellos sind Technologien großartige Errungenschaften, aber sie haben viel zu scheußliche Nebenfolgen, die man zumal kaum je vorhersieht. Und seitdem ich mehr Zeit in der lauschigen Stille meiner Bibliothek verbringe, in der es kaum Informationsverschmutzung gibt, spüre ich, dass dies meinen Genen entspricht. Ich habe das Gefühl, ich wachse wieder.

Nassim N. Taleb lehrt Risk Engineering am Polytechnischen Institut der New York University. Er ist Berater von Universa Investments. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Der schwarze Schwan“ (Hanser Verlag, 2008).

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Schlagwörter: FAZ, Feuilleton, Nassim Taleb, Polytechnisches Institut der New York University, Risk Engineering
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“Wikipedia ist mein verlängertes Gedächtnis”

8 01 2010

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aus: FAZ.net, 8. 1. 2010

Von Geoffrey Miller

Geoffrey Miller

Das Internet verändert jeden Aspekt des Denkens von Menschen, die häufig online sind: ihre Wahrnehmung, ihre Kategorisierung, ihre Aufmerksamkeit, ihr Gedächtnis, ihre räumliche Orientierung, ihre Sprache, ihr Vorstellungsvermögen, ihre Kreativität, ihre Problemlösungsfähigkeit, ihre Theorie des Geistes, ihre Urteilskraft und ihre Entscheidungsfindungsprozesse. Dies sind die zentralen Forschungsfelder der Kognitiven Psychologie, die zugleich den Großteil dessen umfassen, was das menschliche Gehirn leistet.

BBC News und die Website des Economist erweitern meine Wahrnehmung und werden zu meinem sechsten Sinn für das, was in der Welt passiert. Google Mail strukturiert meine Aufmerksamkeit durch meine Reaktionen auf eingehende Mitteilungen: löschen, antworten oder für eine spätere Antwort markieren? Wikipedia ist mein verlängertes Gedächtnis. Ein Online-Terminkalender beeinflusst, wie ich mein Leben organisiere. Google Maps verändert, wie ich mich durch meine Stadt und meine Welt bewege. Facebook bereichert meine Theorie des Geistes – indem ich die Überzeugungen und Wünsche anderer besser verstehe.

Das Gesetz der großen Zahl

Doch für mich betrifft die revolutionärste Veränderung die Art und Weise, wie ich urteile und Entscheidungen treffe – wie ich etwas bewerte und zwischen guten und schlechten Optionen wähle. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass ich einen guten Teil meiner Urteilsbildung auf die großen Sammlungen von Nutzerbewertungen abladen kann, die sich im Internet finden. Zusammengenommen sind diese fast immer zutreffender als mein eigenes individuelles Urteil. Um zu entscheiden, welche Blu-ray Disc aus dem Netflix-Angebot ich mir anschaue, werfe ich einen Blick auf die Durchschnittsbewertungen der Filme in Netflix, der International Movie Database sowie Metacritic. In ihnen spiegelt sich die wachsende Kompetenz der Nutzer, die Bewertungen abgeben, wider – bei Netflix sind es die Kunden, die Filme ausleihen, in der IMDB Filmfans und auf Metacritic Filmkritiker. Jeder Film, der in allen drei Diensten eine hohe Bewertung erzielt, ist praktisch immer aufregend, schön und durchdacht.

Meine fehlbaren, verschrobenen, launischen Urteile werden erheblich dadurch verbessert, dass ich mir durchschnittliche Kundenbewertungen ansehe: Buch- und Musikbewertungen bei Amazon, Gebrauchtwagenbewertungen bei Edmunds, Beurteilungen ausländischer Hotels bei Tripadvisor und Zitate bis hin zu wissenschaftlichen Aufsätzen bei Google Scholar. Endlich können wir uns das Gesetz der großen Zahl dafür dienstbar machen, unsere Entscheidungsprozesse zu verbessern: Je größer die Stichprobe der Nutzerwertungen, desto treffender ist der Durchschnitt. Während die Zahl der Wertungen zunimmt, sinkt die Fehlerspanne, Vertrauensintervalle werden enger und Schätzungen besser.

Sozial dezentralisierte Urteilsbildung

Der normale Konsument hat Zugang zu besseren Produktbewertungsdaten, als sich Marktforscher jemals erträumen konnten. Online-Nutzerbewertungen erlauben uns in fast allen Zusammenhängen, evidenzbasiert zu entscheiden. Für die meisten Güter und Dienstleistungen, ja für die meisten Lebensbereiche bieten sie dem Konsumenten eine Art informeller Meta-Analyse – eine Ansammlung von Daten über alle Analysen, die andere, gleichgesinnte Konsumenten bereits durchgeführt haben. Damit wird die Urteilsbildung von einem individuellen und anekdotischen zu einem sozial dezentralisierten und statistischen Vorgang.

Ökonomen, die der Theorie der rationalen Wahl anhängen, könnten dagegenhalten, dass Verkaufszahlen ein besserer Indikator der wirklichen Bevorzugung durch den Konsumenten sind als Onlinebewertungen, insofern die Menschen hier ihr Geld einsetzen, um ihre Präferenzen deutlich zu machen. Dieser Einwand ignoriert freilich das Problem der Kaufreue: Konsumenten kaufen viele Dinge, von denen sie dann enttäuscht sind. Ihre Produktbewertungen nach dem Kauf sind viel aussagekräftiger als ihre Einschätzungen vor dem Kauf.

Daten aus Konsumentenbefragungen über die Zufriedenheit mit dem eigenen Auto (“Würden Sie Ihren Wagen wieder kaufen?“) sind wesentlich informativer als die Verkaufszahlen von Neuwagen. Die Bewertungen der „Twilight“-Filme auf der Metacritic-Website sagen viel mehr über deren Qualität aus als die Kartenverkäufe des ersten Kinowochenendes. Informierte Kundenbewertungen sind ein viel nützlicherer Wegweiser für sinnvolle Konsumentenentscheidungen als Zugriffszahlen, Verkaufsvolumen, Marktanteile oder die „Salienz“ von Marken, also ihr Potential, in Kaufsituationen als erstes erinnert zu werden.

Der Nutzen von Online-Nutzerbewertungen

Man könnte meinen, Bewertungen nach dem Kauf würden durch Rationalisierungen verzerrt – ich habe Produkt X gekauft, also muss es gut sein, sonst stehe ich als Dummkopf da. Zweifellos gibt es dieses Phänomen, wenn wir mit Freunden und Nachbarn sprechen. Die Anonymität der meisten Onlinebewertungen lindert aber die Peinlichkeit des Eingeständnisses, schlecht geurteilt und eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Natürlich können Nutzerbewertungen eines jeden Produkts, wie Wählerstimmen für Politiker, durch Dummheit, Unwissenheit, Modezyklen, Mob-Effekte, Lobbyismus, Marketing und Interessengruppen verzerrt werden.

In Amerika liegt der durchschnittliche IQ eines Onlinekonsumenten nur bei knapp über 100, seine durchschnittliche Bildung besteht in ein paar Jahren College. Rasante Beliebtheit kann mit dauerhafter Qualität verwechselt werden. Geschickte Werbung, Empfehlungen durch Stars und Markenreputation können das Urteil noch des geistig unabhängigsten Konsumenten beeinflussen. Websites mit Bewertungen lassen sich von Händlern manipulieren. Trotzdem sind Online-Nutzerbewertungen hilfreicher als jeder andere Ansatz zur Stärkung des Kunden, der im vergangenen Jahrhundert ausprobiert wurde.

Kollektive Weisheiten

Um diese Bewertungen erfolgreich zu nutzen, müssen wir unsere intellektuelle und ästhetische Überheblichkeit ablegen. Wir müssen uns klarmachen, dass einige unserer Konsumentscheidungen vor allem dazu dienten, unsere Intelligenz, Weltoffenheit, Geschmackssicherheit oder unseren Wohlstand zur Schau zu stellen, und nicht wirklich die beste Weise darstellen, die beste Wahl zu treffen. Wir müssen uns in ein wenig Bescheidenheit üben. Meine schönsten Filmerlebnisse in der letzten Zeit hatte ich ausnahmslos, weil ich den Bewertungen auf Metacritic mehr traute als meinen eigenen Annahmen, Vorurteilen und Vorverurteilungen.

Dies hat mir neuen Respekt vor der kollektiven Weisheit unserer Spezies eingeflößt. Zu erkennen, dass mein eigenes Denken sich von dem aller anderen nicht so sehr unterscheidet und auch nicht so viel besser ist, gehört zu den großen moralischen Lektionen, die das Internet bereithält. Online-Nutzerbewertungen stärken den Egalitarismus, den gegenseitigen Respekt und das Sozialkapital. Gegen die Hausiererei von Marketing und Lobbyismus verknüpfen sie die Menschheit in kollektiven Entscheidungsfindungssystemen von beachtlicher Macht und Intelligenz.

Der Verfasser ist Evolutionspsychologe an der University of New Mexico: Zuletzt veröffentlichte er „Spent. Sex, Evolution, and Consumer Behavior“. The Viking Press, New York 2009.


Geist und Materie, oder: Natur und Geschichte

•Januar 20, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Ich kann das Gewicht einer Kartoffel nicht erfahren, wenn ich ein Metermaß anlege, und ihren Umfang nicht mit der Waage messen. Ich kann das eine nicht aus dem andern ableiten noch das eine ins andere umrechnen. Es sind zwei verschiedene Dimensionen, die aber nicht in der Kartoffel stecken – die ist immer ein und dieselbe -; sondern in der Eigenart meines Wahrnehmungsapparats.

Genau so sind Freiheit und Kausalität einander irreduzibel.

*

Die Kartoffel in diesem Bild ist der Mensch.

Wenn ich mich einmal entscheide, eine Sache durch die Augen der Naturwissenschaften anzuschauen, habe ich ipso facto mitentschieden, sie unters Gesetz der Kausalität zu fassen: beides ist dasselbe. Habe ich einen Gegenstand mit den Augen, das heißt den Messinstrumenten der Naturwissenschaften angeschaut, kann es nicht ausbleiben, dass ich ihn als einen Gegenstand der Naturwissenschaft wiedererkenne. Jenes folgt aus diesem, und nicht umgekehrt.

Die Knolle Mensch muss ich aber nicht als einen Gegenstand der Naturwissenschaft anschauen. Ich kann sie – nur sie – auch als den Gegenstand der Geschichtsschreibung ansehen: als ein Wesen, das Geschichte hat, weil es sie macht. Andernfalls würde es die Frage nach dem freien Willen gar nicht geben. Stammt sie etwa aus der Naturwissenschaft? Da kommt sie nicht her, da gehört sie nicht hin.

Nur wer sagt, der Mensch ist in seinen Willensentscheidungen frei, kann auch sagen, dass er in der Welt etwas tun soll. Ist alles determiniert, dann haben die Recht, die schon immer gesagt haben, man kann nix machen. Gemeint war jedes Mal: Ich brauch’ nix machen. Bevor Freiheit und Determination ein Problem der Geschichtswissenschaft werden können, sind sie eine politische Frage.

Freilich ist dieses Problem längst gelöst. Die endgültige Antwort heißt: Die Menschen machen ihre Geschichte selber, aber sie machen sie nicht unter frei gewählten Bedingungen; und stammt von Karl Marx. Die nicht frei wählbaren Bedingungen sind für der Geschichtsschreibung das, was für die Naturwissenschaft die determinierenden Faktoren sind. Für eine ‚verstehende’ Geschichtswissenschaft (wie Max Weber sie nennt) treten die Bedingungen des Handelns in den Motiven der Handelnden wieder auf: als deren Triebkraft. Aber nicht als deren Richtung. Die muss der freie Wille, politischer Verstand oder Unverstand, ex sponte hinzufügen.

*

Mögen die Psychologen die Triebkraft der Motive zur Natur rechnen: Der Philosoph wird den Willen immer zum Geist zählen (was auch sonst?).

Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann.

•Oktober 29, 2009 • Hinterlasse einen Kommentar

Wanderer

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanalytisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

*

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Ob sich das – wie seit Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche immer wieder versucht – zu einer “Lebensphilosophie” systematisieren ließe, ist eine philosophische Frage für sich.

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

erni hans, odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaft- ler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriorischen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr geworden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Lebens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

*

Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, das sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaftswissenschaften wirklich voaussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

*

Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...
sprung

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kan nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

*

Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?

Über dieses Blog

•Oktober 24, 2009 • Hinterlasse einen Kommentar

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Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn.

Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltergeignis schlechthin. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar.

Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

Dazu soll dieses Weblog ein Teilchen beitragen.

Jochen Ebmeier

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siehe auch:

www.jochen-ebmeier.de

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Die philosophische Wendeltreppe

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