Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann.

•Oktober 29, 2009 • Kommentar schreiben

Wanderer

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanalytisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.

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Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Ob sich das – wie seit Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche immer wieder versucht – zu einer “Lebensphilosophie” systematisieren ließe, ist eine philosophische Frage für sich.

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

erni hans, odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaft- ler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriorischen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr geworden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Lebens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

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Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, das sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaftswissenschaften wirklich voaussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

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Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...
sprung

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kan nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

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Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?

Über dieses Blog

•Oktober 24, 2009 • Kommentar schreiben

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Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn.

Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltergeignis schlechthin. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar.

Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

Dazu soll dieses Weblog ein Teilchen beitragen.

Jochen Ebmeier

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siehe auch:

www.jochen-ebmeier.de

Jochen Ebmeier’s Weblog

Die philosophische Wendeltreppe

neuromantiker

paedica nova

sozialarbeit

Politisierung des Alltags?

•Oktober 21, 2009 • Kommentar schreiben

Politisch ist nicht nur der Staat, und öffentlich ist nicht erst die Behörde. Überall, wo das Gemeinwesen als solches „in Erscheinung tritt“, geschieht Politisches. Dass es dabei nicht mit einer, sondern zuerst immer mit vielen Stimmen redet, liegt in seiner Natur (oder etwa nicht?!). Dabei kann es nicht bleiben, gewiss, es muss sich, als Hoheit, zu einem handlungsfähigen Willen konstituieren – nämlich immer da, wo das Allgemeine mit Zwangsgewalt gegen das Partikulare zur Geltung gebracht werden muss; sonst nicht.

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Der Soziologe Ulrich Beck meint nun, dass mit der „reflexiven Moderne“ der Risikogesellschaft1 das Politische in den bürgerlichen Alltag selber eingekehrt sei. Die Konflikte innerhalb der zivilen Gesellschaft würden zunehmend zwischen den Privaten (den diesbezüglich so genannten „Betroffenen“) selbst ausgehandelt – ohne den souveränen Eingriff des Staats, dessen Legitimität längst in Zweifel steht, denn „einerseits stirbt er ab, andererseits muss er neu erfunden werden“. Er stirbt ab – als besonderes Wesen, als Gebilde einer Souveränität und als hierarchischer Koordinator. Er müsse neu erfunden werden: „An die Stelle des Handlungsstaats tritt der Verhandlungsstaat.“2

Als zivil sind all jene zu verstehen wir alle, die nur sich selbst repräsentieren und gegen andere kein Amt in Anspruch nehmen. ‚Politisch’ werden die Einzelnen immer dann, wenn viele ‚sich selbst’ gemeinsam und gegenseitig repräsentieren. Die moderne Staatsidee beruht auf der Vorstellung, dass sich alle Einzelnen vertraglich gegeneinander verpflichtet hätten. Das Politische und das Zivile sind also nicht substanziell, sondern nur verhältnismäßig verschieden; nämlich nach dem Grad der Stellvertretung.

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Wenn nun die zivile Gesellschaft selbst politisch wird, dann verlieren die konstituierten Korps der volonté générale ihre Sonderrolle, aus ihrer Stellung über dem und gegen den bürgerlichen Alltag sinken sie in ihn herab und lösen sich darin auf. „Der Staat muss Selbstbegrenzung, Selbstenthaltung praktizieren, Monopole aufgeben.“3

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Also nicht ‚das Politische’ schwände, sondern es büßte nach und nach nur seine Sonderrolle als Hoheit ein in dem Maße, wie es nach und nach den gesellschaftlichen Alltag ergriffe.

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Ist das eine idyllische Sicht?

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1Beck, U., Die Erfindung des Politischen, Ffm 1993, S. 214ff und pass.

2ebd.

3ebd., S. 219

Geht das Politische zur Neige?

•Oktober 18, 2009 • Kommentar schreiben

Öffentlichkeit ist erst ein Produkt der letzten zwei, dreihundert Jahre – mit der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist nicht zu verwechseln mit der politischen Macht. Die ist vor vielen tausend Jahren entstanden mit den Priesterköniginnen im Zeichen der Großen Mutter. Dabei ist semantische Vorsicht geboten. Politisch ist Herrschaft immer, wenn sie Macht von wenigen über die Vielen (polys) ist. Aber darum ist sie noch nicht öffentlich; das ist sie erst, wenn die Vielen selber untereinander in Verbindung stehen; denn dann kann die Idee aufkommen, daß die Wenigen sich zu rechtfertigen hätten. Politische Herrschaft wird erst unter der Prämisse des Repräsentativstaats “öffentlich”. Zu feudalen Zeiten haben die Familien der Großen die politische Macht wie ihre Privatsache behandelt – im Krieg, und im Frieden.

.Entstanden ist Öffentlichkeit als Exklave an den Rändern den künstlichen Nischen, die die Menschen – der Vaganz in einer zu weiten Welt müde geworden – mit der Sedentarisieruung und dem Ackerbau eingerichtet hatten. In Gesellschaften auf der Stufe einfacher Reproduktion sind die „getrennten Hauswirtschaften“ (Marx-Engels) die ökonomischen Grundgegebenheiten. Arbeitsteilung gibt es nur im Innern. Die Macht liegt im Haus. Im alten Europa besteht (selbst in den Städten) zwischen den Haushalten so wenig Kontakt wie in Asien zwischen den Dorfgemeinschaften – nämlich nur zufällig, beim Verprassen der Überschüsse, beim Spiel, beim Kult, beim Fest. ‚Das Politische’ greift nur gelegentlich ins Leben ein, als Krieg und Plünderung (und danach als Steuer). Doch nicht immer werden Überschüsse verpraßt. Manchmal tauscht man, was man übrig hat, gegen das, was der andere übrig hat. Das kann man ritualisieren. Wenn dann zum Zweck dieses Austauschs produziert wird, entsteht Arbeitsteilung zwischen den Haushalten, und so bildet sich Gesellschaft allererst aus.

.Die Ausbildung einer spezifischen politischen Sphäre wird nötig, die über die naturwüchsigen Autoritäten der Sippen- und Stammesbeziehungen hinaus greift. Die ersten Staaten waren die theo- kratisch und despotisch regierten Städte im Fruchtbaren Halbmond. Wenn also der Mensch zwar ein “von Natur aus gesellig lebendes Tier” ist, so ist er doch keineswegs “von Natur aus” ein zoôn politikón, ein Städte-bauendes “Tier”. Nicht nur die Arbeit, die Geißel unserer letzten zehntausend Jahre, sondern auch die Politik, der Prügel unserer letzten zehntausend Jahre, ist ein Erbstück jener fatalen, zu deutsch: schicksalhaften Entscheidung unserer Vorfahren, sich im Tale des Jordan festzusetzen, nieder zu lassen und vom Reichtum der dortigen Pflanzenwelt zu zehren

Indes, die Arbeitsgesellschaft geht unter unsern Augen zur Neige. Geht auch das Politische zur Neige?

 

 

 

 

 

 

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Statistisches Jahrbuch 2008.

•Oktober 11, 2009 • Kommentar schreiben

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Eben ist das Statistische Jahrbuch für 2008 erschienen.

Danach verdienten die meisten Erwerbstätigen ihr Geld im Dienstleistungsbereich: 29,3 Millionen – und somit fast dreimal so viel wie in der Industrieproduktion mit 10,2 Millionen Menschen.

Kein Zweifel, die Industrielle Zivilisation liegt hinter uns. Auch die ‘Arbeitsgesellschaft’? Das hängt ganz davon ab, was man stofflich - d. h. der ‘Gebrauchswertseite’ nach – unter Dienst- leistung jeweils zu verstehen hat. Und das ist keine Frage an den Statistiker.

Wofür?

•Oktober 10, 2009 • Kommentar schreiben

 fiction without science

"Um ehrlich zu sein: Ich finde nicht, dass ich es verdient habe, in einer Reihe mit so vielen wegweisenden Gestalten zu stehen, die mit diesem Preis geehrt worden sind."

Um ehrlich zu sein, ich finde das auch nicht. Aber ich finde, dass er nicht der erste ist, an dessen Eignung für den Friedensnobelpreis Zweifel geboten sind.

Und passend zum vorangegangenen Beitrag:

•Oktober 1, 2009 • Kommentar schreiben

 

aus: MusikWoche, München, 1. 10. 09:

vote/quote: Piratenpartei überrascht

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Anders als die Bundestagswahl ging die vote/quote-Abstimmung auf den Onlineseiten von MusikWoche mit einer großen Überraschung aus. Denn auf die Frage, wer die Interessen der Musikbranche und der Kreativen am besten vertritt, konnten ausgerechnet die Piraten mit 20,3 Prozent die meisten Stimmen auf sich vereinen. Mit Ausnahme der abgeschlagenen Linken liegen alle übrigen Parteien relativ nah beieinander.

Gleichauf mit Bündnis 90/Die Grünen landet die Union mit 19,9 Prozent auf dem zweiten Platz, gefolgt von der SPD mit 17,4 Prozent. Ebenso erstaunlich wie das gute Abschneiden der Piraten ist das Abstimmungsergebnis der FDP: Die Partei, die sich gern als Lobbyist des Mittelstands sieht, holt auf MusikWoche nur 14,8 Prozent.

Die neue Liberalität der Kreativen.

•September 29, 2009 • Kommentar schreiben

kreative

Aus süddeutsche.de, 28. 9. 09

Von Gustav Seibt

In der Hauptstadt gibt es wie kaum anderswo eine Klientel, die früher SPD oder Grüne wählte: Meinungsmacher, Produzenten, Galeristen, Künstler. Dieses Milieu hat in der FDP eine neue Heimat gefunden.

Das Wort "Milieu" wurde in der älteren Parteienforschung zuerst für die Liberalen erfunden. Denn die großen Volksparteien vertraten immer mehr als ein einziges Milieu, so heimelig es im Ruhrpott-Ortsverein oder auf dem Land in Bayern auch zugehen mochte. Bei den Liberalen dachte man dabei immer an eine Mischung aus Herrenzimmer (mit Rauch) und Apotheke (rauchfrei), an den Landmaschinenbetrieb und gelegentlich an den Professor des Staatsrechts.

Das war Bürgertum, mit Besitz, Bildung, Zigarre und Gattin. Diese wählte zwar mit, trat aber politisch nur ausnahmsweise in Erscheinung.

Der FDP-Wahlerfolg am Sonntag verdankt sich nun vor allem SPD-Wählern, die nicht mehr wählen gegangen sind, außerdem der Wahltaktik von Unions-Wählern. Dass die Liberalen heute den Kommentatoren oft so verdächtig vorkommen, hängt daran, dass man ihr Milieu im Gegensatz zu früher nur schwer ausmachen kann. In der Hauptstadt selbst und ihren angrenzenden Gartenbezirken hingegen kann man einen spezifischen und vor allem wirkungsmächtigen Teil dieses Milieus beobachten.

Es ist die Welt der Galeristen, Filmproduzenten, Kuratoren und Meinungsmacher aus der Rennstrecke zwischen den Restaurants "Borchardt" und "Grill Royal".

Borchardts
Ohne dieses liberale Milieu hätte – beispielsweise – ein gewiss schwer zu steuernder Schriftsteller wie Rainald Goetz vermutlich nicht seinen Internet-Blog eröffnet, der dann zu einer historischen Quelle der Merkel-Steinmeier-Jahre geworden ist. Goetz berichtete dabei am häufigsten aus zwei Milieus: der Bundespressekonferenz und den neuen Galerien in Berlin-Mitte, wo Neo Rauch seinen Markt findet. Dass bei Guido Westerwelle Gemälde von Norbert Bisky an der Wand hängen, das weiß sogar der kunstferne Wähler der Linkspartei – und er graust sich. Es gibt in Berlin ein neues liberales Milieu, das sich wie alles im Feld der politischen Kultur Deutschlands auch im Stadtplan der Hauptstadt abbildet. Geringfügig vereinfacht, kann man sagen: Der neue FDP-Wähler ist hier oft ein Berliner Stadtbewohner, der in den vergangenen Jahren von Prenzlauer Berg oder Mitte weggezogen ist, weil ihm der Kinderlärm und der Geruch von Babynahrung in den rauchfreien Lounges mit den würfelförmigen Sitzen auf die Nerven fielen – und ihn in seiner Arbeit behinderten. Er wohnt nun im stillen Ortsteil Nikolassee, wo er diesen Sommer wieder Beobachtungen zur Effizienz von Staatsbetrieben machen konnte: Die S-Bahn steuerte Nikolassee wochenlang nicht an. 

Kreatives Bürgertum oder kreatives Prekariat?

Warum kennt der Journalismus dieses Milieu nicht, oder warum reagiert er so allergisch darauf, wenn er mit ihm in Berührung kommt? Aus Klassengründen. Journalisten sind heute in überwiegender Mehrzahl entweder festangestellte Gutverdiener, bei denen es auf die Lohnnebenkosten nicht ankommt; oder aber sie gehören schon zum geringverdienenden Prekariat, also einer "kreativen Klasse" (die Grüne Renate Künast), mit deren Bürgerlichkeit es nicht weit her ist. Beide Positionen, die bestverdienende und die geringverdienende, ermuntern stark zu sozialmoralischem Engagement.
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Dazwischen liegt eine nicht mehr ganz unerhebliche Mitte. Diese hätte früher selbstverständlich SPD oder Grüne gewählt. Heute aber ist sie vierteljährlich mit der Abrechnung der Umsatzsteuervoranmeldung beim Finanzamt beschäftigt. Viele kreative Berufe – Filmproduzenten, Webdesigner, Galeristen, etablierte Schauspieler – sind heute nicht mehr in Groß- und Staatsbetrieben wie Museen und Theatern beschäftigt. Stattdessen betreiben sie schnell entstehende wie vergehende kleine und mittlere Subunternehmen. Zwischen ihnen und dem Staat liegt keine Personalstelle mehr. Und so hat für sie das Wort "Transferleistung" eine Anschaulichkeit, die da fehlt, wo man nur einmal im Monat achtlos einen Gehaltszettel abheftet.

Dass am unteren Rand dieses Kreativbürgertums die Zwangsverwaltung des Alltags durch die Arbeitsagenturen droht, macht die Einstellungen dieser Leute nicht sozialdemokratischer. Wer fast 20 Prozent Umsatzsteuer für jene öffentlich-rechtlichen Radiohonorare entrichtet, die von den öffentlich-rechtlichen Gebührenempfängern nicht vergütet werden, und wer einmal im Jahr die Bescheide der Künstlersozialkasse über die wahrscheinliche Rente ab 67 erhält, der schaut mit kühlem Blick auf die Rentnerheere bei den anderen Parteien.

Die bürgerliche Mitte, das sind natürlich immer noch Apotheker – schließlich treiben wir auf die Altengesellschaft zu – und immer noch sind es Baumaschinenproduzenten, denn Deutschland soll Exportweltmeister bleiben.
Piraten in Regierungsviertel

Aber es ist inzwischen auch eine intellektuelle Schicht, die über den SPD-Wahlkampf altständischer Literaten und großer Schachteln wie Günter Grass und Jürgen Flimm den Kopf schüttelt. Dieser Schicht fehlt die herrenzimmer- und ohrensesselhafte Solidität des alten Bürgertums. Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen schon öfter Grün gewählt und auch die SPD. Aber heute? Von einem Journalismus, der die Kanzlerin mit dem Pathos des Wohlfahrtsausschusses zur Rede stellt – "Bürgerin Merkel, wissen Sie eigentlich, wie billig ein Haarschnitt in Berlin sein kann?" – sind sie jedenfalls nicht vertreten.

Denn eine Radiosendung, an der man gut und gern acht Stunden arbeitet, wird heute so honoriert, dass nach Abzug von Steuern ungefähr der Stundensatz der Friseurin übrigbleibt. Das ist nicht schlimm, das ist nicht mal ungerecht – das ist einfach so.

Übrigens mag es sein, dass die Piratenpartei bald den Prekariatsflügel dieses volatilen intellektuellen Unternehmertums darstellt. Und auch das hat nicht nur einen kulturellen Hintergrund, geht es doch um Zugangs- und Verwertungsrechte im Hauptarbeitsfeld dieser Schicht: dem Internet. Und um jene bürgerliche Freiheit sowieso, die den alten Staatsvolksparteien immer öfter weniger bedeutet als die Sicherheit. In diesem Milieu, das wachsen wird, will man sich weder von der Arbeitsagentur das Leben vorschreiben noch vom Staatsschutz durchleuchten lassen.

 Klarmachen zum Entern!

Das Ergebnis.

•September 27, 2009 • Kommentar schreiben

 

piratenbucht 

22. 15 Uhr

Am Morgen nach der Europawahl haben wir uns zwei Prozent bei der Bundestagswahl als Traumergebnis gewünscht. Nach dem dynamischen Wahlkampfauftritt und seiner unerwarteten Resonanz in der Öffentlichkeit kommen nun zwei Prozent manch einem eher mittelmäßiog vor. Einige hatten ja schon erwogen, ob und mit wem eine Koalition in Frage käme… Insgesamt ist das Wahlergebnis gar nicht so schlecht. Es ist momentan das einzige, das für klare Verhältnisse sorgt. Alle anderen hätten für dichte Rauchschleier gesorgt, unter denen die Wurschtelei weiter gegangen wäre. Abgesehen vielleicht von der unwahrscheinlichen Jamaica-Variante, die jeden Tag eine neue Überraschung hätte bringen können.

Gut ist, dass dieses Ergebnis für Schäuble und Zensursula schlecht ist.

Auf die Sozialdemokraten konnten sie sich verlassen. Deren Liberalität war und ist immer nur für die Galerie. Tief im Herzen glauben sie an Mehr Staat. Mit der FDP wird es jetzt schwieriger. Die muss Acht geben, dass sie die Prozente, die sie diesmal der CDU abgenommen hat, nicht beim nächsten Mal an die Piraten verliert. Denn für die wird es ein nächstes Mal geben, dafür war ihr Stimmergebnis gut genug. Aber von alleine kommt das nächste Mal nicht. Sie muss in den kommenden vier Jahren ein Profil gewinnen.

Ein-Punkt-Partei war für diesen Einstand ausreichend. Auf diesem einen Punkt konnten sich Leute, die ansonsten eher ‘links’ sind, mit Leuten treffen, die eigentlich eher konservativ denken. Doch "weder links noch rechts, sondern vorn" wird nur dann vier Jahre lang halten – und dann noch länger -, wenn geklärt wird, wo Vorne ist. Das Internet allein reicht als Programm nicht aus – weil es nämlich selber nur die sichtbare Spitze jenes Eisbergs ist, den die Sprecher der Piratenpartei während des Wahlkampfs sehr richtig die Digitale Revolution genannt haben.

Die ergreift alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Es ergreift sie so, dass alle Wertungen, die uns aus zehntausend Jahren Arbeitsgesellschaft angestammt sind, Kontur und Farbe verlieren. Es gibt kaum ein Thema, das in der kommenden Welt nicht einer gründlichen Revision unterzogen werden wird. Die überkommenen Parteien, die aus dem zwanzigsten, neunzehnten Jahrhundert stammen, sind dafür nicht gerüstet und legen offenbar auch keinen Wert darauf.

Die Piratenpatei muss nicht von sich verlangen, in den nächsten vier Jahren ein fix und fertiges Programm für den "Zukunftsstaat" auszutüfteln. Auch in vier Jahren wird sie sich nicht zu der Instanz entwickelt haben, die auf alles die richtigen Antworten gibt (und später, nehme ich an, auch nicht). Sie soll sich aber in diesen vier Jahren als das Laboratorium bewähren, wo an den richtigen Fragen gearbeitet wird. Dann wird bei der nächsten Bundentagswahl kein Weg an ihr vorbei führen.

Das Ergebnis?

•September 27, 2009 • Kommentar schreiben

Piratenflagge

Eins hat die Präsenz der Piraten im Wahlkampfs bereits demonstriert: Ob eine neue politische Kraft den Durchbruch in die Öffentlichkeit findet, hängt in Zeiten des Internet nicht mehr ab vom Großen Geld und nicht mehr ab vom Quotenkalkül der Medienkonzerne.

Und das Ergebnis?

Unter zwei Prozent: Der Eine wird sagen, die Bedeutung der Digitalen Revolution nicht erst für morgen, sondern schon für unsern Alltag heute ist wohl doch nocht nicht genügend Deutschen bewusst geworden. Da ist noch viel zu tun. Ein Andrer sagt – Medienpräsenz ganz schön und gut, aber der Wähler erwartet wohl doch ein bisschen mehr Programm von uns; an der Qualität der Antworten erweist sich erst die Bedeutung der Fragen. Da ist noch viel zu tun.

Sie haben wohl beide Recht.

Über drei Prozent: Der Durchbruch zur "richtigen Partei".

Piraten im Bundestag: Das hieße, dass den Deutschen an ihrer freheitlichen Verfassung einiges mehr gelegen ist, als landläufig geunkt wird. Und dann gäbe es richtig viel zu tun.

27. 9. 09, 11.00 Uhr